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100 Jahre Praxis

Jubiläum der Gewerblichen Schule Im Hoppenlau

Veröffentlicht am: 
17
July
2026
Lesezeit:
0
Min

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Bild von: 
Patrick Buhl (alle Fotos)
Der Festakt fand wegen der vielen Gäste im Diakonissenhaus statt.

Die Gewerbliche Schule Im Hoppenlau mit Technischer Oberschule (TO) in Stuttgart hat am 19. Juni ihr 100-jähriges Bestehen gefeiert. Vertreter aus Politik und Wirtschaft würdigten die Arbeit der Schule. Für die Mühlenbranche wurde das Jubiläum zu einer Bestandsaufnahme, die ernüchternd ausfiel.

Gastartikel von:
Logo Verlag Moritz Schäfer
Artikel von:

Das Interesse an dem Jubiläum war so groß, dass die Schule den Festakt im benachbarten Diakonissenhaus ausrichten musste. Auf den Tag genau 100 Jahre zuvor war die Schule gegründet worden. Schulleiter Dr. Andreas Baitinger freute sich besonders, dass auch drei frühere Schulleiter zum Festakt gekommen waren.

Schulleiter Dr. Andreas Baitinger (Mitte) begrüßte die Gäste.

Die Entwicklung verlief rasant, von einer örtlichen Gewerbeschule hin zu einem Kompetenzzentrum für Berufe aus den Branchen Lebensmittel, Körperpflege und Gastronomie. Für die Mühlenwirtschaft besitzt der Standort seit 80 Jahren eine besondere Bedeutung. In Stuttgart befinden sich Bundesfachklassen für den Ausbildungsberuf des Verfahrenstechnologen in der Mühlen- und Getreidewirtschaft sowie die Meisterschule für Müller und Futtermittelmüller.

Die Abteilung Müllerei präsentierte Mahlerzeugnisse und bot Müsli zur Verkostung an.

Dr. Andreas Baitinger eröffnete den Festakt mit einem persönlichen Rückblick. Eine berufliche Schule vermittle nicht nur Fachwissen, sie begleite junge Menschen auf dem Weg in das Berufsleben. „Wer hier etwas erreicht, hat etwas vor im Leben“, so der Schulleiter. Die Schule vermittle zudem Sprache, Werte und gesellschaftliche Orientierung. Das gelte besonders für Schüler, die erst seit kurzer Zeit in Deutschland leben. Im anschließenden Paneltalk kamen der stellvertretende Schulleiter Peter Knöll, der technische Lehrer Roman Schäfer sowie drei Auszubildende zu Wort.

Zuschauer beim Festakt.

Unter dem Leitgedanken „Eine berufliche Ausbildung erdet“ betonten sie die Bedeutung der beruflichen Bildung für die persönliche Entwicklung und für die Gesellschaft. In einem Grußwort begründete Schulpräsidentin Claudia Rugert, den Erfolg der Schule mit deren Bereitschaft, Veränderungen anzunehmen und ein ganzheitliches Bildungsverständnis zu vertreten. Besonders lobte Rugert die Integrationsarbeit, die seit 2015 ein wichtiger Teil des Schullebens sei. Laut des Hauptgeschäftsführers der Handwerkskammer Region Stuttgart, Peter Friedrich, sei die Zukunft der Schule u.a. abhängig vom Gelingen der Integration internationaler Auszubildender. Sein besonderer Dank galt den Lehrkräften, die er als „Superhelden der beruflichen Bildung“ bezeichnete.

Schulpräsidentin Claudia Rugert, Dr. Andreas Baitinger und Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper.

Stuttgarts Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper (CDU) gratulierte der Schule zu ihren außerordentlichen Leistungen und bezeichnete sie „als Keimzelle der beruflichen Bildung in Stuttgart“. Gleichzeitig erklärte der Oberbürgermeister der Stadt, die als Schulträger Verantwortung für Gebäude und wesentliche Teile der Ausstattung trägt, dass seine Kassen leer seien. Die Schule leiste wertvolle Arbeit, doch für Erhalt und Erneuerung gibt es kein Geld. Für zusätzliche Irritationen sorgte die Entscheidung, seine Rede von der Kanzel zu halten. Im christlichen Verständnis dient sie der Verkündigung des Evangeliums und nicht der politischen Selbstdarstellung.

Nach einem musikalischen Beitrag von vier Lehrern besichtigten die Gäste die Werkstätten der Schule und das Mühlentechnikum. Schüler und Lehrer stellten die verschiedenen Gewerke vor. Außerdem wurde über Projekte wie InnoLab, Schulpartnerschaften und Erasmus+ informiert. Der Rundgang zeigte zudem, wie groß der Modernisierungsbedarf inzwischen ist. Die technische Ausstattung kann mit modernen Industrieanlagen kaum noch Schritt halten.

Rundgang durch die Mühle der Schule.

Ein erheblicher Teil der Mühlenanlage stammt aus den 1980er-Jahren. Beim abschließenden „Round Table Müllerei“ diskutierten Lehrer, Verbandsvertreter und Mühlenunternehmer welche Kompetenzen die künftigen Müller benötigen und wie die Branche die Schulmühle unterstützen kann. Dr. Baitinger und Jochen Köber, Lehrer und Leiter des Mühlentechnikums, stellten dazu den derzeitigen Stand der Planungen vor. Die Schule habe den technischen Bedarf bereits mit Fachleuten der Branche untersucht. Die Latte liege hoch, weil nicht nur Maschinen ersetzt werden müssen, sondern auch Gebäude, Elektrik, Steuerung und Explosionsschutz mitzudenken sind. Nach Angaben der Schulleitung ist der Vorplanungsantrag weitgehend vorbereitet. Die Verwaltung verlangt jedoch umfangreiche Absicherungen und Nachweise. Das Verfahren zieht sich hin.

Michael Gutting, Geschäftsführer der Bindewald & Gutting Mühlengruppe in der Diskussion.

Einig waren sich die meisten Teilnehmer, dass die praktische Verfahrenstechnik mehr Raum erhalten muss. Viele Ausbildungsbetriebe verfügen über hoch automatisierte Anlagen und können Auszubildende nicht beliebig in laufende Prozesse eingreifen lassen. Mancher Auszubildende beobachtet deshalb Anlagen, ohne selbst die Wirkung eines Eingriffs am Produkt beurteilen zu können. Die Gesprächsteilnehmer bezogen ausdrücklich auch kleine und mittlere Mühlen ein. Kleinere Betriebe benötigen Mitarbeiter, die den gesamten Prozess überblicken und bei Abweichungen selbständig handeln können. Für sie genügt es nicht, wenn ein Mitarbeiter nur einzelne Bedienoberflächen kennt. Michael Gutting verwies auf die wachsende Verantwortung der Mitarbeiter in den Betrieben. Anlagen würden größer, während Unternehmen zugleich kleinere und vielfältigere Chargen produzieren müssten. Anforderungen an Qualität, Produktsicherheit und betriebliche Dokumentation nähmen zu. Wenn während einer Schicht nur wenige Mitarbeiter eine komplexe Anlage betreuten, müssten sie sehr gut ausgebildet sein.

Der Präsident des Bayerischen Müllerbunds Rudolf Sagberger, Ralph Seibold (GF Schapfenmühle) und Dr. Josef Rampl (GF Bayerischer Müllerbund) in der Diskussion.

Eine weitere Konfliktlinie betraf die Leistungsfähigkeit der Auszubildenden. Die Berufsschule muss grundsätzlich jeden beschulen, der einen gültigen Ausbildungsvertrag besitzt. Ob ein Schüler fachlich, sprachlich oder schulisch ausreichend vorbereitet ist, ändert an dieser Verpflichtung zunächst nichts. Gutting widersprach jeder Tendenz, die Anforderungen abzusenken, wenn einzelne Schüler fachlich oder schulisch nicht ausreichend vorbereitet seien. Er plädierte für klare Leistungsanforderungen. Betriebe bilden den Nachwuchs aus, weil sie sich mit qualifizierten Mitarbeitern für die Zukunft aufstellen wollen. Eine anspruchsvolle Ausbildung schließt deshalb auch die Möglichkeit ein, zu scheitern. Eine Mühle kann sicherheitsrelevante und qualitätskritische Aufgaben nicht Mitarbeitern übertragen, die den Abschluss nur deshalb erlangt haben, weil Schule und Prüfung ihre Anforderungen gesenkt haben.

Christopher Rubin (Rubin Mühle) setzt sich als Vorsitzender des Baden-Württembergischen Müllerbundes für die Ausbildung ein.

Anders als zahlreiche Handwerksberufe verfügt die Müllerei über keine organisierte überbetriebliche Ausbildung. Die Betriebe vermitteln vor allem ihre eigenen Verfahren. In der Diskussion fiel das Beispiel, dass ein Auszubildender aus einem Futtermittelwerk in der Praxis gewöhnlich nicht für mehrere Wochen in eine Mehlmühle wechselt. Umgekehrt erhält ein Auszubildender aus einer Mehlmühle kaum Einblick in die Mischfutterproduktion. Betriebsübergreifende Praktika wären fachlich sinnvoll.  Hans Schmid von der Swissmill verwies auf Erfahrungen aus der Schweiz und plädierte für pragmatische Lösungen. Unternehmen könnten Ausbildungsinhalte organisieren, statt auf formale Änderungen von Lehrplänen und Ausbildungsordnungen zu warten. Sein Rat war: Einfach machen, Kooperationen untereinander organisieren und Auszubildende gezielt in andere Betriebe schicken. Dieser Vorschlag führte zur Frage, wer das organisieren kann.

Dr. Andreas Baitinger mit Hans Schmid von der Swissmill.

Die Schule, der Verband oder die Unternehmen selbst? Wer haftet und wer koordiniert Zeiträume und Inhalte? Auch die anstehenden Investitionen der Branche in die Schulmühle warfen Fragen auf. Ein Teilnehmer brachte den Grundsatz auf, dass die Geldgeber angemessenen Einfluss auf Ausstattung und Ausbildungsinhalte erhalten sollten. Dies kann private Investitionen erleichtern, birgt aber Zielkonflikte für die Berufsschule. Eine öffentliche Schule muss herstellerneutral ausbilden und darf ihre Inhalte nicht von einzelnen Lieferanten oder Unternehmen abhängig machen. Für Sachspenden, Leihmaschinen, Softwarelizenzen und fachliche Unterstützung braucht es deshalb transparente Regeln. Der Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft (VGMS) arbeitet seit Jahren an der Zukunft der Ausbildung, hat aber bislang kein verbindliches und finanziell unterlegtes Gesamtkonzept vorgelegt. Dr. Peter Haarbeck wird dies nun tun. Erwartet wird ein Konzept, das kleinere und große Betriebe berücksichtigt und Kosten klar benennt. Hans Schmid kündigte an, das Schweizer Konzept zur Verfügung zu stellen. Die Schweiz organisiert Teile der müllereitechnischen Weiterbildung anders und trennt Mehlmüllerei und Mischfuttertechnik stärker. Ob sich dieses Modell auf Deutschland übertragen lässt, ist zu prüfen. Das 100-jährige Jubiläum zeigte eine Schule mit engagierten Lehrern, gewachsenen Strukturen und hoher Bedeutung für die Branche. Es zeigte aber ebenso deutlich, dass die Müllerausbildung in Stuttgart von ihrer Substanz lebt und technisch wie finanziell an ihre Grenzen stößt.

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Die Bindewald und Gutting Mühlengruppe gehört zu den großen familiengeführten Akteuren der deutschen Mühlenwirtschaft. Mit 2,2 Mio. t vermahlenem Getreide pro Jahr, 10 Mühlenstandorten und rund 750 Mitarbeitern liegen ihre Wurzeln in zwei Müllerfamilien aus Rheinland-Pfalz. Die Familie Bindewald begann ihre Müllerei 1871 in Bischheim, die Familie Gutting 1923 in Neustadt an der Weinstraße. Aus der engeren Zusammenarbeit entstand 1990 die Bindewald & Gutting Verwaltungsgesellschaft mit Sitz in Alsleben in Sachsen-Anhalt. Heute firmiert die Gruppe unter dem Dach der Bindewald & Gutting Verwaltungsgesellschaft. Als Geschäftsführer nennt das Unternehmen Jochen Bindewald, Martin Bindewald, Patrick Bindewald und Michael Gutting.

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Die Schapfenmühle ist ein traditionsbewusstes Familienunternehmen, dessen Geschichte bis ins Jahr 1452 zurückreicht. Kundennähe, Zuverlässigkeit und ein hohes Qualitätsbewusstsein sind Werte, die sie seit den Anfängen lebt.

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Swissmill ist die größte Getreidemühle der Schweiz und verarbeitet bis zu 200 Tonnen Getreide pro Stunde. In den Silos des Unternehmens können täglich bis zu 1500 Tonnen Getreide gelagert werden. In den hochmodernen Anlagen entstehen daraus verschiedenste Produkte wie Mehle, Grieße, Flocken und Mischprodukte. Mit dieser Leistungsfähigkeit versorgt Swissmill die Lebensmittelindustrie, Bäckereien, den Handel und die Gastronomie mit qualitativ hochwertigen Getreideerzeugnissen.

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