MC Mühlenchemie stellt Enzymsysteme für High-Protein-Pasta mit bis zu 30 Prozent Protein vor.
2026
9/29/2026
MC Mühlenchemie löst Prozess- und Qualitätsherausforderungen bei High-Protein-Pasta
Ahrensburg, 16. September 2026. MC Mühlenchemie bringt mit Pastazym HighProtein funktionelle Enzymsysteme auf den Markt, die speziell auf die Herstellung proteinangereicherter Pasta ausgerichtet sind. Zusammen mit digitalen Entwicklungstools und Pilotservices bilden sie eine Plattform für Pastahersteller, die in ihren Produkten Proteingehalte von 18 Prozent und mehr erreichen wollen, ohne Kompromisse bei Textur, sensorischer Qualität, Kochstabilität oder Verarbeitbarkeit einzugehen.
Jedes zehnte neue Lebensmittel in Europa trägt einen Protein-Claim
Proteinangereicherte Pasta gehört zu den dynamischsten Segmenten im Pastamarkt. Laut dem Report ‚High Protein Food & Beverage in Europe' von Innova Market Insights (Mai 2026) ist Protein der wichtigste Ernährungstrend des Jahrzehnts. Bereits knapp jedes zehnte neue Lebensmittel in Europa trägt einen Protein-Claim. Wer den Markt mit High-Protein Pasta erschließen will, darf nicht nur auf Nährwerte achten. Entscheidend sind die Prozesse, die hohe Proteingehalte ermöglichen und gleichzeitig ein hochwertiges Produkt liefern.
Warum sich Pastateig mit steigendem Proteingehalt anders verhält
Mit steigendem Proteingehalt verändert sich das Verhalten von Teig und Endprodukt grundlegend. Entscheidend ist dabei nicht nur die Proteinmenge, sondern auch die eingesetzte Proteinquelle. Mit zunehmendem Anteil alternativer Proteinquellen wie Weizenkeimen oder Hülsenfruchtmehlen können der typische Pastageschmack überlagert und die charakteristische gelbe Farbe verändert werden. Gleichzeitig können Rohstoffkosten und Prozessschwankungen steigen. Typische Probleme sind instabile Teige, erschwerte Extrusion, erhöhte Bruchanfälligkeit, raue oder matte Oberflächen, klebrige Texturen und schwankende Kochstabilität. Die Herausforderung besteht daher darin, einen hohen Proteingehalt mit stabiler Verarbeitung und einem ansprechenden sensorischen Profil zu verbinden. Die funktionellen Enzymsysteme von MC Mühlenchemie setzen an diesen Punkten an: Sie stabilisieren das Proteinnetzwerk, reduzieren die Klebrigkeit, verbessern Oberflächenqualität und Kochtoleranz und tragen zu einer überzeugenden sensorischen Qualität bei. Ein Ansatz zur erweiterten Formulierung kommt einem höheren Proteingehalt zugute
„Bei Proteingehalten bis etwa 22 Prozent lassen sich die Herausforderungen in der Regel mit gezielter Enzymtechnologie beherrschen. Bei höheren Anteilen verändert sich das Teigverhalten erheblich, sodass eine zusätzliche Stärkung des Glutennetzwerks von Vorteil ist“, sagt Jana Russnak, Head of Pasta-Anwendungen bei MC Mühlenchemie.
Gleichzeitig tritt mit steigendem Anteil der Proteinmehle deren Eigengeschmack zunehmend in den Vordergrund. Um den Proteingehalt dennoch weiter zu erhöhen, wird die Enzymtechnologie mit Weizengluten kombiniert. Diese Erkenntnisse basieren auf umfangreichen Tests im Pasta-Technikum des Unternehmens, wo Rezepturen mit Proteingehalten von 18 bis 30 Prozent unter industrienahen Bedingungen validiert wurden.
Die Plattform ist daher in zwei Ansätze aufgeteilt, die sich an dieser technologischen und sensorischen Schwelle orientieren.
„Für Rezepturen bis 22 Prozent Protein bietet MC Mühlenchemie enzymbasierte Lösungen. Für Proteingehalte darüber hinaus kombinieren wir Enzyme mit Weizengluten, um das Teiggerüst zusätzlich zu stabilisieren und den Anteil geschmacksintensiver Proteinmehle zu begrenzen. So lassen sich Werte bis 30 Prozent erreichen“, so Agostino Coppola, Chefentwickler der neuen High-Protein Plattform und Senior Technologist Pasta.
Enzymsysteme, Protein Calculator und Pasta-Technikum Ahrensburg
Die Plattform von MC Mühlenchemie umfasst drei Ebenen. Funktionelle Enzymsysteme stabilisieren die Teigstruktur, verbessern die Verarbeitbarkeit und sorgen für Kochstabilität, Bissfestigkeit und sensorische Qualität. Sie sind für unterschiedliche Proteinziele und Rezepturstrategien ausgelegt und kompatibel mit verschiedenen Proteinquellen wie Hülsenfrüchten und Weizenkeimen. Der MC Protein Calculator unterstützt die Rezepturentwicklung, indem er den erreichbaren Proteingehalt auf Basis der eingesetzten Rohstoffe berechnet. Das verkürzt Entwicklungszyklen und reduziert Versuchsaufwände. Im Pasta-Technikum im Stern-Technology Center Ahrensburg können Hersteller ihre Rezepturen unter industrienahen Bedingungen validieren. Mit der neuen Fava-Extrusionspresse und dem Pilottrockner lässt sich der gesamte Herstellungsprozess im Pilotmaßstab abbilden.
Amandus Kahl feierte in Reinbek sein 150-jähriges Bestehen mit Gästen aus Industrie, Politik und Wirtschaft.
2026
9/29/2026
Jubiläum in Reinbek: 150 Jahre Amandus Kahl
Vom Anbieter von Öfen und Herden zum international erfolgreichen Maschinen- und Anlagenbauer: Amandus Kahl blickt auf 150 Jahre Unternehmensgeschichte zurück. Dieses Jubiläum feierte das Unternehmen vom 3. bis 5. September 2026 in Reinbek unter dem Motto „150 Jahre Innovation – Tradition mit Zukunft“. Gäste aus dem internationalen Kunden- und Partnernetzwerk sowie aus Politik, Wirtschaft und Industrie sprachen über neue Technologien, die Zusammenarbeit in der KAHL Gruppe sowie die Zukunft des Standorts Reinbek.
1876 in Hamburg als Wendte & Kahl gegründet, zählt Amandus Kahl heute zu den international führenden Herstellern von Pelletpressen und Verfahrenstechnik für die Futtermittel-, Biomasse- und Recyclingindustrie. Mit dem Umzug nach Reinbek im Jahr 1965 wurden Verwaltung, Ingenieurbüro, Konstruktion und Produktion an einem Standort zusammengeführt. Die KAHL Flachmatrizenpresse ist bis heute das Kernprodukt des Unternehmens, der KAHL Expander seit mehr als 30 Jahren eine etablierte Größe in der Futteraufbereitung. Zum Portfolio gehören außerdem Extruder, Kollermühlen, Brechwalzenstühle, Trockner, Kühler und Wirbelschichtanlagen. Amandus Kahl ist darüber hinaus die führende Schwesterfirma der KAHL Gruppe. Der Verbund umfasst neun Unternehmen mit unterschiedlichen Leistungs- und Kompetenzschwerpunkten und rund 900 Mitarbeitenden.
Blick nach vorn: Austausch über Zukunftsthemen
Den Auftakt bildete am 3. September der „Visions & Solutions Day“. Dazu kamen Vertreter und Mitarbeitende der eigenen Niederlassungen aus der ganzen Welt nach Reinbek. Im Mittelpunkt standen technische Entwicklungen und neue Anwendungen, darunter Digitalisierung, Automatisierung und datengestützte Prozesslösungen. Ein weiteres zentrales Thema war die Zusammenarbeit innerhalb der KAHL Gruppe und über Ländergrenzen hinweg. Am 4. September folgte die offizielle Jubiläumsfeier am Unternehmensstandort. Mehr als 250 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Industrie sowie aus dem internationalen Kunden- und Partnernetzwerk nahmen daran teil. Der Festakt verband den Rückblick auf 150 Jahre mit dem Blick nach vorn und der Frage, welche Stärken Amandus Kahl in die nächsten Jahrzehnte mitnimmt.
„150 Jahre Amandus Kahl zeigen: Wir haben es geschafft, bewährte Fähigkeiten immer wieder in eine neue Zeit zu übertragen. Was uns dabei auszeichnet, ist die Kombination aus verfahrenstechnischem Know-how und einem Verbund komplementärer Schwesterfirmen, mit denen wir gemeinsam mehr erreichen als allein“, sagte Dr. Victoria Behrmann, Geschäftsführerin von Amandus Kahl.
„Wir bekennen uns zum Produktionsstandort Deutschland und investieren weiter in Reinbek, unter anderem in ein neues Technikum für über zehn Millionen Euro“, ergänzte Joachim Behrmann, Sprecher der Geschäftsleitung des Unternehmens. „Das persönliche Verhältnis zu unseren Kunden bleibt dabei eine Konstante.“
Bei Führungen durch die Produktionshallen erhielten die Gäste Einblicke in die Fertigung und den Standort. Die interne Feier auf Gut Thansen bildete am 5. September den Abschluss der Jubiläumsveranstaltungen. Sie richtete sich an die Mitarbeitenden, ehemalige Mitarbeitende und ihre Familien. Alle Teilnehmenden erhielten ein besonderes Geschenk: das aufwendig gestaltete Jubiläumsbuch mit 330 Seiten zur Historie von Amandus Kahl. Es dokumentiert ausgewählte Stationen, technische Entwicklungen und persönliche Erinnerungen aus 15 Jahrzehnten Unternehmensgeschichte.
Anlässlich des Jubiläums bat Amandus Kahl seine Gäste, auf Geschenke zu verzichten und stattdessen den Kinderschutzbund Stormarn, die Glinder Tafel, das Don Bosco-Haus Mölln oder die Buhck-Stiftung zu unterstützen. Das Unternehmen selbst spendet insgesamt 50.000 Euro, die zu gleichen Teilen an die vier Organisationen gehen.
Zwei neue Mahllinien mit rund 900 Tonnen Tagesleistung verteilen sich auf elf Ebenen des ehemaligen Silogebäudes.
2026
9/29/2026
Ceres Mühle in Brüssel
Die letzten Aufräumarbeiten sind noch im Gange, als uns Jonathan Gutting morgens vor der Ceres Mühle begrüßt. Die Sonne steht bereits über dem Hof, es verspricht ein warmer Tag zu werden. Jonathan Gutting ist gelernter Müller und wird die Mühle künftig verantworten. Er führt uns ins Gebäude, dort wartet zunächst der Aufzug. Die Belegschaft nennt ihn den „Team-Building-Aufzug“. Wenige Sekunden später wissen wir, weshalb und zwängen uns in die schmale Kabine. Bald soll ein großer Aufzug neben das Gebäude gebaut werden, ebenso wie ein großes Treppenhaus, entschuldigt sich der Müller. Da das Bestandsgebäude wenig Raum in der Fläche bot, wurde ein vertikales Mühlenlayout umgesetzt.
Die 10. Etage mit den ersten Schrotpassagen.
Im zehnten Obergeschoss beginnt unser Rundgang durch die neue Mühlenanlage, zugleich starten hier die ersten Schrotpassagen. Gutting geht an drei großen ROMIL-8-Walzenstühlen vorbei. Der vorbereitete Weizen gelangt über Elevatoren und Kettenförderer bis unter das Dach. Ein Walzenstuhl arbeitet für die Linie mit 300 Tonnen Tagesleistung, zwei versorgen die größere Linie mit 600 Tonnen. Von nun an folgt das Produkt weitgehend der Schwerkraft. Der Weg nach unten macht uns den Unterschied zu einer üblichen Stockwerksmühle deutlich. Walzenstühle, Plansichter und Reinigungstechnik stehen nicht geschlossen auf eigenen Maschinenböden. Sie folgen dem vertikalen Mühlendiagramm und der verfügbaren Gebäudehöhe.
Rohrleitungen führen durch Deckenöffnungen, einige Sichter erstrecken sich über zwei Geschosse. Wir laufen über Bodenbeläge aus Holzplatten, dann wieder über feste Betonböden. Schon in der nächsten Etage scheitert unser Versuch, die Anlage als zusammenhängenden Prozess zu erfassen, auch wenn wir auf jeder Ebene nur einen Teil davon sehen.
V.l.n.r.: Heinz Brand und Stefan Schmitz von Swisca mit Jonathan Gutting und Michael Haag von der BiGu-Mühlengruppe.
Die Geschichte der Ceres Mühle reicht bis ins Jahr 1889 zurück, als sie am Brüssel-Schelde-Seekanal ihren Betrieb aufnahmen. Der Name der Mühle, deren schweres Fundament im sumpfigen Boden teilweise auf rund 30 Meter tiefen Holzpfählen ruht, leitet sich von der römischen Göttin des Ackerbaus und der Fruchtbarkeit ab. Schnell entwickelte sich die Mühle zu einer der größten Weizenverarbeitungsanlagen und hielt zeitweise 40% der Mehlproduktion Belgiens. Als der Standort nach rund 135 Jahren zum Verkauf stand, prüfte die BiGu-Mühlengruppe ihren technischen Zustand. Es gab einen erheblichen Investitionsstau und Geschäftsführer Michael Gutting überlegte den Standort zu schließen. Bei der genaueren Analyse änderte er seine Pläne und entschied sich gegen die Schließung und für einen technischen Neuaufbau. Für den Erhalt sprachen die Lage in einem dicht besiedelten Absatzgebiet, bestehende Kundenbeziehungen in Belgien und Nordfrankreich sowie die Anbindung an Schiff, Bahn und Lastwagen.
Jonas Schär von Swisca zwischen denSichterabteilen der von ihm mitentwickelten Plansichter.
Zugleich überschneiden sich die Absatzmärkte mit dem BiGu-Standort Neuss. Für den Weiterbetrieb mussten jedoch die Hoflogistik und der gesamte Produktweg von der Getreideannahme bis zum Fertigprodukt neu geordnet werden. Die Modernisierung folgte derselben Logik wie der Kauf: Entscheidend ist nicht die Größe des Standorts, sondern ob sich mit vertretbarem Kapitaleinsatz dauerhaft ein wirtschaftlicher Mehrwert schaffen lässt. Um im Markt profitabel zu agieren, galt es, die Betriebskosten für Energie, Personal und Rohwaren drastisch zu senken, Stillstände durch lückenlose Online-Überwachung zu vermeiden, ein konsequentes Hygiene-Design gegen Schädlingsbrutstätten umzusetzen sowie manuelle Eingriffe im laufenden Betrieb und bei Rezept- und Produktwechseln auf ein Minimum zu reduzieren.
Der modulare Plansichter SIFTO.
Hierfür schloss sich die Mühlengruppe mit dem Schweizer Unternehmen Swisca AG zusammen. Das bestehende Gebäude sollte in eine moderne Mühle mit zwei Linien zu 600 t/Tag und 300 t/Tag mit einer Tageskapazität von 900 t aufgeteilt werden. An sich schon eine anspruchsvolle Aufgabe im Anlagenbau. Bei der Ceres Mühle kam hinzu, dass das Bestandsgebäude ein ehemaliges Silo war, in dem zuvor Anlagen für Getreidetrocknung und Fertigmehle untergebracht waren. Konventionelle Planungsansätze stießen hier an ihre Grenzen. Beide Parteien brachten jedoch für das Mühlenprojekt die Bereitschaft mit, konventionelle Mühlenkonzepte radikal zu hinterfragen. Statt ein starres Pflichtenheft abzuarbeiten, verfolgte das Team von Swisca einen iterativen Bottom-up-Ansatz. „Sicherheitsmargen wurden bewusst ausgereizt und physikalische Grenzen ausgetestet, um durch eine offene Feedback- und Innovationskultur echten technologischen Fortschritt zu erzielen“, erklärt Stefan Schmitz, Cheftechnologe von Swisca.
Die Müller Jonathan Gutting und Timm Peters.
Da der Raum des Silogebäudes wenig Fläche pro Etage bot, entstand die Idee für ein vertikales Mühlenlayout. Es bietet den Vorteil die Schwerkraft optimal für den Materialtransport zu nutzen und den Energiebedarf für die pneumatische Förderung trotz der zusätzlichen Aspiration bei den Plansichtern zu reduzieren. Dieses vertikale Konzept erforderte jedoch eine neue Prozessführung. Walzenstühle, Plansichter und weitere Prozessmaschinen müssen über die gesamte Mühle verteilt werden (siehe Abb. 1). Weil Sichtkontrollen über mehrere Etagen hinweg erschwert sind, übernimmt die Automatisierung das Kommando: In der Reinigungssektion wird jeder Teilprozess durch eine eigene Schüttwaage CERVO von Swisca erfasst, um Abweichungen sofort zu melden. Dazu kommen vollautomatisierte Komponenten wie steuerbare Klappenkästen, Aspirationsklappen, Drehrohrverteiler und insgesamt 38 ROMIL-Walzenstühle mit servogesteuerter Spaltverstellung. Es sind die Maschinen von Swisca, die das vertikale Konzept prägen. Der Plansichter SIFTO (siehe M+M 11-12/2026, S. 16-19) etwa punktet durch sein modulares, kompaktes Design: Die Passagen lassen sich aufteilen, um produktgerecht auf verschiedensten Etagen eingesetzt zu werden. In der Ceres Mühle sind dies sechs verschiedene Stockwerke.
Insgesamt 38 ROMIL-Walzenstühle sind auf den Etagen eingebaut.
Wir gehen weiter runter von Etage zu Etage. Im achten und siebten Obergeschoss folgen Grießputzmaschinen, Kleieschleudern und weitere Ausmahlpassagen. Teilweise führen Einläufe und Sichterkörper über zwei Stockwerke. Im sechsten Obergeschoss gelangt der Abstoß aus höherstehenden Sichtern durch Fallrohre direkt auf drei ROMIL-4-Walzenstühle. Auf der fünften und vierten Ebene liegen weitere Sichterabteile, Ausmahlpassagen und Teile der Konditionierung für die Kleiepressen. In den unteren Geschossen steigt die Walzenstuhldichte. Auf der dritten Ebene stehen fünf ROMIL-4 neben zwei Pelletpressen von der Firma Ottevanger, im zweiten Obergeschoss arbeiten neun weitere Walzenstühle von Swisca. Mehlsammelschnecken und Drehrohrverteiler ordnen die Produktströme. Im ersten Obergeschoss folgen die letzten Ausmahlpassagen, Kontrollsichter und ein optischer Sortierer von 3UVision. Im Erdgeschoss werden Mehl und Pellets verwogen und zur weiteren Verarbeitung oder Verladung gefördert.
Zwei Pelletmühlen von Ottevanger: eine Progress 850 und eine MonoRoll 850, von der man sich Energieeinsparungen verspricht.
Die Projektunterlagen beziffern die spezifische Walzenlänge auf 11,25 mm und die Sichterfläche auf 0,056 m2 je Dezitonne und 24 Stunden. Diese Werte erreicht die Anlage durch die Verteilung der Passagen über das Gebäudevolumen. Der Aufbau verlangt mehr Laufrohrbau, spart aber pneumatische Rückförderung nach oben. In einer üblichen Mühle hebt die Pneumatik das gemahlene Produkt nach vielen Walzenpassagen wieder zu den Plansichtern. Die Planer der Ceres Mühle nutzen stattdessen, wo es das Diagramm erlaubt, direkte Fallleitungen.
Um die beim direkten Produktzulauf entstehende Wärme abzuführen, werden die Plansichter zusätzlich aspiriert. Mit Kondensat gibt es keine Probleme, so Jonathan Gutting. Ergänzt wird das Luft- und Wärmemanagement durch einen auf dem Dach installierten Wärmetauscher des Anlagenbauers hdt.technik.
Nach der von Swisca vorgestellten Vergleichsrechnung benötigt die größere Linie 27 und die kleinere 20 pneumatische Überhebungen. Eine konventionell aufgebaute Vergleichsanlage käme zusammen auf 90 Stränge. Damit sinkt ihre Zahl rechnerisch um etwa 48%. Die verbleibenden Leitungen überwinden größere Höhen und benötigen deshalb rund 8,5% mehr Unterdruck. Dennoch errechnete Swisca für die Mühlenpneumatik etwa 55% weniger Luftvolumen. Die elektrische Leistung sinkt in der Modellrechnung vor der zusätzlichen Sichteraspiration um rund 50%. Da die Plansichter beim direkten Zulauf aspiriert werden, lässt sich dieser Wert nicht vollständig als Energieeinsparung ansetzen. Unter Einbeziehung dieser Aspiration nennen die Projektunterlagen eine Verringerung des Energiebedarfs um rund 40%. Die über elf Ebenen verteilte Technik erschwert den Sichtkontakt. Deshalb erfasst die Steuerung Maschinenzustände und Produktströme und passt bei Rezeptwechseln Mahlspalte, Produktwege und Aspirationsstellungen an. Die Steuerung lässt sich auf mobilen Geräten aufrufen und Fehler können so schnell von überall lokalisiert und Maschinenwerte geprüft werden. In der Ceres Mühle kann ein Müller beide Systeme theoretisch führen. Jonathan Gutting erzählt uns, dass er von zwei Müllern unterstützt wird, Timm Peters von der Saalemühle und Remo Schmid von Swisca.
Einbau der modularen Plansichter SIFTO überzwei Etagen.
Die Getreidereinigung folgt einem mehrstufigen mechanischen und physikalischen Konzept. Separator, Steinausleser und Trieur trennen Besatz nach Größe, Dichte und Länge. Concentrator-Leichtkornausleser scheiden leichte oder geschädigte Körner aus. Am Ende steht noch ein optischer Sortierer, den Michael Haag und Stefan Schmitz als Sicherungsstufe und nicht als Ersatz für die mechanische Reinigung verstehen. Nach jedem wesentlichen Reinigungsschritt erfasst eine CERVO-Schüttwaage den Abgang. Das integrierte Mühlenlabor kontrolliert Rohstoffe und Endprodukte. Ein weiterer Schwerpunkt des Planungsteams war Hygiene und die Vermeidung von Ablagerungen. Auch kleine Bauteile müssen dem Hygienekonzept folgen. Stoppt bei der Fallbremse BREAK von Swisca der Zulauf, läuft die Konstruktion leer. Damit können Ablagerungen ausgeschlossen werden. Ein Schauglas macht den Produktfluss sichtbar, eine Öffnung erlaubt den Zugang, sollten sich beispielsweise Fremdkörper festsetzen. Der pneumatische Einlaufbogen PICUP, ebenfalls eine Komponente von Swisca, lässt sich öffnen, sollte sich am Beginn einer Förderleitung Produkt festsetzen. Bei einer stärkeren Verstopfung kann er das angeschlossene Rohr über Schnellspanner anheben, statt die Leitung zu demontieren. Bei der Inbetriebnahme habe sich diese Zugänglichkeit bereits bewährt, berichtet Stefan Schmitz.
Michael Haag nannte während der Fachtagung in Brüssel einen ersten spezifischen Energieverbrauch von 28 kWh/t für die Vermahlung. Die Messgrenze beginnt unter der Abstehzelle und reicht bis einschließlich Filter und Gebläse. Für die Reinigung schätzt er 2,3 kWh/t. Andere Mühlen der Gruppe benötigen nach seinen Angaben 33 bis 37 kWh/t für die Vermahlung und 3 bis 3,5 kWh/t für die Reinigung. Diese Angaben stammen aus der Anlaufphase und Stefan Schmitz weist darauf hin, dass neue Walzenoberflächen und der kurze Beobachtungszeitraum keinen belastbaren Vergleich erlauben. Am Ende des Rundgangs steht das Team von Mühle + Mischfutter wieder im Erdgeschoss. Über uns arbeiten die zwei Mahllinien noch nicht mit voller Auslastung und es fehlen noch weitere Rohwaren- und Fertigwarensilos. Platz wäre auf dem Mühlenhof im Gewerbegebiet ausreichend, wenn das ehemalige Mühlengebäude abgerissen würde, aber die Stadtverwaltung hat bei den denkmalgeschützten Gebäuden ein Wort mitzureden.
Für Swisca markiert die Ceres Mühle einen Meilenstein: Erstmalig zeichnete das junge Unternehmen mit seinen rund 80 Technikern für das gesamte Leistungsspektrum verantwortlich. Von der Mühlendiagrammentwicklung über die Verwiegetechnik bis hin zur Inbetriebnahme des Gesamtsystems. Nach Abschluss seines Betriebswirtschaftsstudiums hat Jonathan Gutting in den vergangenen Wochen beim Aufbau und bei der Inbetriebnahme der neuen Mühlenanlage mitgearbeitet. Für Freunde und Hobbys blieb in dieser Zeit kaum Raum. Nun freut er sich auf seine neue Verantwortung und sieht für die Ceres Mühle großes Potenzial:
«Das ist hier ein super Standort mit einem enorm motivierten und professionellen Team.» Jonathan Gutting
45 Aussteller und mehr als 350 Besucher trafen sich beim ersten Milling Forum Europe in Brüssel.
2026
9/29/2026
Milling Forum Europe 2026: Gelungener Auftakt in Brüssel
Mit dem Milling Forum Europe startete die Arbeitsgemeinschaft Getreideforschung (AGF) vom 7. bis 9. September 2026 ein neues europäisches Veranstaltungsformat für die Getreide- und Mühlenwirtschaft. Viele Menschen arbeiteten in den vergangenen Monaten hart daran, um die Veranstaltung möglich zu machen. Es hat sich gelohnt.
Rauer Industrieschick empfing Aussteller und Besucher im Veranstaltungsort SILO Brussels. In den Hallen auf insgesamt 3.500 m² Fläche fanden Fachvorträge und eine integrierte Ausstellung statt. Nebenan, auf der anderen Seite des Seekanals, konnte die innovative, neue Mühlenanlage der Ceres Mühle besichtigt werden. Gekommen waren 45 Aussteller und über 350 Besucher aus 26 Ländern. Das Forum versteht sich als Weiterentwicklung der traditionsreichen Detmolder Tagung für Müllerei-Technologie. Das Ziel in Brüssel war es, nicht nur technische Informationen zu vermitteln, sondern vor allem Wissenschaftler und Mühlenbetreiber, Anlagenbauer, Rohstoffexperten sowie Vertreter der Lebensmittelwirtschaft zusammenzubringen und Wissen für die Praxis nutzbar zu machen. Der Geschäftsführer der AGF, Konstantin Golombeck, brachte es in seiner Eröffnungsrede auf den Punkt: „Der Geist unserer Tradition ist kein Ort. Es ist eine Arbeitsweise. Experten aus der Industrie über Unternehmensgrenzen hinweg, zusammen mit Wissenschaft und öffentlichen Institutionen, mit einem gemeinsamen Ziel: Wissen in Lösungen umzuwandeln." Michael Gutting, Geschäftsführer der BiGu-Mühlengruppe, knüpfte in seinem Grußwort an diese Tradition an. Die Wurzeln der Tagung lägen in der gemeinsamen Grundlagenforschung zur Getreidevermahlung, weil einzelne Unternehmen die damaligen Fragen nicht allein lösen konnten. Für Gutting bleibt diese Zusammenarbeit die Voraussetzung, um die Bevölkerung sicher, bezahlbar und nachhaltig zu versorgen. Zum Auftakt setzte Norbert Lins, Mitglied des Europäischen Parlaments und stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung, einen politischen Akzent. Unter der Leitfrage „Grain: Sustainable, GMO-Free and Affordable – is that Possible?“ stellte er die sichere Versorgung mit hochwertigen und bezahlbaren Lebensmitteln als vorrangige Aufgabe der europäischen Agrarpolitik heraus und betonte die Stellung wettbewerbsfähiger Mühlen in regionalen Wertschöpfungsketten. Besonders deutlich befürwortete Lins neue genomische Züchtungsverfahren wie CRISPR/Cas. Er erwartet widerstandsfähigere und nährstoffeffizientere Getreidesorten. Zugleich warnte er bei Patenten vor einer Konzentration bei wenigen Konzernen und forderte Regeln, die mittelständischen Züchtern den Zugang zu genetischem Material sichern.
Die Ausstellung war überwiegend in die Vortragsfläche integriert. Dadurch lagen Vorträge, Pausen und Gespräche eng beieinander. Für viele Aussteller ergaben sich kurze Wege zu den Vortragenden sowie zahlreiche Möglichkeiten für Kontakte und vertiefende Gespräche. Etwas nachteilig war die dadurch etwas lautstarke Akustik für die vortragenden Redner. Folgeveranstaltungen werden das wertvolle Nebeneinander aus Fachvorträgen und Unterhaltungsgelegenheit sicherlich räumlich optimieren müssen.
Höhepunkt des ersten Tages war ein Besuch in der neuen Ceres Mühle, die zur BiGu-Mühlengruppe gehört. Die Teilnehmer fuhren mit einem Boot über den Kanal zur Mühle. Am Abend gab es auf der sonnigen Dachterrasse das SILO Brussels Snacks, Getränke und intensive Gespräch mit Blick über den Kanal und das Ceres Mühlengelände.
Den zweiten Konferenztag eröffnete AGF-Vizepräsident Michael Borgstedt von der Milser Mühle. Danach richtete Lena Düpont, Mitglied des Europäischen Parlaments, in ihrem Vortrag den Blick auf das Verhalten von Unternehmen in unsicheren und krisenhaften Situationen. Für die Getreidewirtschaft ein relevantes Thema, weil Lieferketten und politische Entscheidungen eng miteinander verbunden sind. Danach folgte die Präsentation „Ceres, Mill of the latest Generation“ von Michael Haag von der BiGu-Mühlengruppe und Stefan Schmitz von der Swisca AG. Der Vortrag knüpfte an die Mühlenbesichtigung an und stellte technische und planerische Aspekte der neuen Anlage im Bestandsgebäude heraus (siehe dazu unseren Bericht zur Ceres Mühle).
Im weiteren technischen Programm stellten Katharina Kammann und Rainer Stöbi von KMH-Kammann Metallbau unter dem Titel „Saferer: Next-Generation Surface Technology in Bulk Material Piping“ eine Lösung für die innere Oberflächengestaltung der Schüttgutleitungen vor. Gerade in Getreide- und Lebensmittelbetrieben können hygienisches Design und verminderte Anhaftungen für Betriebssicherheit und Produktqualität sorgen. Dr. Alexandra Hüsken, Vizepräsidentin der AGF ordnete die regionalen Unterschiede der Kadmiumbelastung beim Getreide im europäischen Vergleich ein. Wobei die Kadmiumgehalte der deutschen Weizen- und Roggenernten jedoch unter den Grenzwerten bleiben. Arnaud Sorin von Foricher Les Moulins widmete sich den Herausforderungen der Getreidereinigung. Dabei ging es um die zunehmende Bedeutung einer präzisen Rohstoffbeurteilung und einer flexiblen Reinigung, die unterschiedliche Getreidequalitäten verarbeiten kann. Juste Hahne von Bühler stellte Möglichkeiten einer präzisen Qualitätsüberwachung vor (siehe dazu MM 15-16/2026, S. 20-22). Ronald ten Cate von Ottevanger Process Solutions befasste sich mit der MonoRoll Pellet Mill, einem Pelletiersystem mit nur einer Walze. Das System wurde in der Ceres Mühle eingebaut, weil man sich Energieeinsparungen verspricht. Mit der thermischen Schädlingsbekämpfung griff Andreas Hummel von Termico ein weiteres Hygienethema auf. Schädlingsmanagement wird zunehmend als dauerhaft zu organisierender Prozess verstanden. Prävention, Monitoring und geeignete Bekämpfungsmaßnahmen gehören gleichwertig zum Qualitätsmanagement.
Im Vortragsblock „Prozesse“ bekamen Mühlenausstatter und Technikprovider die Möglichkeit Ihre innovativen Konzepte und Technologien vorzustellen. So gaben Maro Bauer von der Firma Kastenmüller Einblicke in das Leistungsportfolio des Vertriebspartners Technipes insbesondere mit Fokus auf Verpackungslösungen. Felix Bruckmann von der Firma MIAG zeigte die Effizienz-, Energie- und Kosteneinsparpotentiale in pneumatischen Fördersystemen auf. Die Rohstofffraktionierung in hoch- und niedrigproteinhaltige Rostoffe durch Lösungen der Firma BOMILL wurden durch Denis Boissau erläutert. Und Pietro Barbalarga präsentierte die OMAS-Technologien zur Entfernung der Verunreinigungen am Ausgangsrohstoff.
Fabien Varagnac von Grain & Flour Insights sprach über die Senkung von Mahlkosten durch eine intelligentere Rohstoffbeschaffung. Seine Botschaft: Wettbewerbsfähigkeit entsteht nicht erst am Walzenstuhl, sondern bereits bei der Auswahl und Bewertung von Rohstoffen. Angesichts schwankender Ernten und volatiler Märkte ist eine datenbasierte Beschaffungsstrategie wichtig. Koen Verbrugge von Silo Construction & Engineering stellte anschließend quadratische Silos für Mühlengebäude vor. In seinem Vortrag ging es dabei Bauflächen, Lagerkapazität und Investitionskosten effizient zu nutzen. Eduardo Assencio vom brasilianischen Mühlenverband Abitrigo gab einen Überblick über einen der größten Mehlmärkte der Welt. Die 140 Mühlen des Landes verfügen über eine Gesamtkapazität von rund 18 Mio. t und vermahlten 2025 etwa 13,3 Mio. t Weizen.
Ein eigener Programmblock widmete sich der Ausbildung künftiger Müller. Unter dem Titel „Training Millers for the Future: Challenges and Opportunities in Europe“ diskutierte eine Talkrunde über die künftige Qualifizierung des Nachwuchses. Michael F. Weber, Schulleiter der Swiss School of Milling, moderierte, uf dem Podium saßen Jan Cordesmeyer, geschäftsführender Gesellschafter der Hemelter Mühle und Präsident der European Flour Millers, Norman Krug, Geschäftsführer der Dresdener Mühle und bei der BiGu-Mühlengruppe für die Ausbildung zuständig, Dr. Andreas Baitinger, Schulleiter der Gewerblichen Schule Im Hoppenlau, sowie Alexander Schnelle von Bühler, Vorsitzender des Fördervereins der Deutschen Müllerschule Braunschweig. Die Zusammensetzung der Runde machte deutlich, dass die Sicherung qualifizierten Nachwuchses eine Gemeinschaftsaufgabe von Schulen, Unternehmen und Verbänden ist (siehe dazu das Video und Transkript der Paneldiskussion auf mühle-mischfutter.de).
Im Themenblock zur Digitalisierung sprach Martin Ellegast von Advactory über Vorteile einer intelligenten Automatisierung. Hartmut Hoyer von ZEUTEC stellte multispektrale Bildgebung und KI zur Bestimmung von Getreidemorphologie und Sorten vor. Die Kombination aus optischer Erfassung und lernenden Algorithmen kann die Möglichkeiten klassischer Analytik erweitern. Weitere Beiträge befassten sich mit der Digitalisierung der Getreide-Wertschöpfungskette, der Nachhaltigkeitsleistungen und deren Rückverfolgbarkeit sowie der Frage, wie Unternehmen ihren CO₂-Fußabdruck verlässlich berechnen können.
Viele Besucher lobten das Forum als richtiges und wichtiges Format für die Wechselwirkung zwischen inhaltlicher Substanz und technischer Ausstellung. Leo Distler, Vorsitzender des Ausschusses für Müllerei-Technologie, dankte den Veranstaltern und den Sponsoren. Norbert Lötz, Vizepräsident der AGF und Präsident des Verbandes deutscher Großbäckereien, lobte die Themenauswahl: „Das Milling Forum hat die für die Branche bedeutenden Themen aufgegriffen. Wichtig war auch, dass neben den Fachvertretern Abgeordnete des Europäischen Parlaments teilnahmen und die europapolitische Perspektive in die Diskussion einbrachten.“
Die Themen konnten in der Ausstellung mit den Experten der Unternehmen vertieft werden. Vor allem die Aussteller in der großen oberen Halle waren zufrieden und berichteten uns über gute Gespräche und Kontakte. Im unteren Bereich der Ausstellung war es weitaus ruhiger. Für die nächste Veranstaltung sollte die Platzierung der Stände sowie die Besucherführung verbessert werden. Insgesamt war die Resonanz sehr positiv. Mit diesem praxisnahen Konzept legte der Veranstalter in Brüssel den Grundstein für eine europäische Plattform, die künftig an wechselnden Standorten in Europa fortgeführt werden soll.
Alte Heiratsanzeigen im M+M-Archiv sorgen auf LinkedIn für neue Ideen und Wortspiele.
2026
9/28/2026
Liebe auf den ersten Schrot
Manchmal beginnt eine Geschichte beim Aufräumen des Büros. Andreas Hummel stieß dabei auf eine ältere Ausgabe von Mühle + Mischfutter, blätterte sie durch und fand eine Heiratsanzeige. Eine Müllerin mit gutgehendem Betrieb suchte einen Müller, nicht nur zum Mahlen… Damals lief die Partnersuche noch ohne swipen, matchen und Algorithmen. Stattdessen zählte der Beruf, die Besitzverhältnisse und die ernsthafte Absicht zur Ehe. Der Fund wanderte auf LinkedIn und entwickelte eine Eigendynamik.
Also griffen wir im Verlag tief in unser Archiv. In den Ausgaben aus den 1950er-Jahren fanden wir gleich zwei Anzeigen. Eine Witwe suchte einen soliden Müller zur Einheirat, ein 29-jähriger Müllermeister eine aufrichtige Müllerstochter. Diskretion Ehrensache. Die Anzeigen posteten wir bei LinkedIn und stellten die Frage, ob Mühle + Mischfutter eine Datingplattform braucht. Für unsere LinkedIn-Gemeinde war die Antwort sofort klar und es folgten viele Vorschläge für den Namen der Plattform. „Erst gemeinsam mahlen, dann Gemahlin!“ hieß es. Ein anderer schlug „Ma(h)l schauen, was sich findet“ vor. Auch „Vom Korn zum Mahltar“ schaffte es auf die Favoritenliste. Und Andreas Hummel selbst setzte mit „Liebe auf den ersten Schrot“ einen Treffer, der nicht zu überbieten war.
Andere dachten bereits an das notwendige Datenprofil. Schließlich, so der Einwand, könne man in der Branche unmöglich ohne Vermahlungskapazität ernsthaft suchen. Ergänzend wurden Silokapazität und Baujahr der Mühleneinrichtung als Pflichtfelder vorgeschlagen. Wer es noch genauer nehmen möchte, könnte gleich Qualitätsparameter ergänzen: Bio oder konventionell, Feuchte, Protein und Mykotoxine. Man will schließlich wissen, wen man sich in die Mühle holt. Auch Accounts aus anderen Branchen schalteten sich ein, was weiteres Potenzial für eine Plattform verspricht. Ein Rechtsanwalt schrieb den schönsten und knappsten Kommentar: „Liebe vergeht, Hektar besteht.“ Romantik hatte in der Branche offenbar schon immer eine solide betriebswirtschaftliche Grundlage.
Natürlich wissen wir nicht, ob sich die Menschen hinter den damaligen Chiffren tatsächlich gefunden haben. Vielleicht entstand daraus eine Ehe, vielleicht eine Betriebsnachfolge, vielleicht beides. Wenn es bei den beiden Anzeigen geklappt hat, könnte heute ungefähr der 70. Hochzeitstag anstehen. Und unsere Datingplattform? Noch existiert sie nicht. Aber falls wir sie eines Tages starten, steht zumindest eines fest: Ein einfacher Steckbrief wird nicht reichen. Beruf, Mühle, Hektar, Silokapazität und Schrotpassage dürften zum Mindeststandard gehören. Bis dahin bleibt Mühle + Mischfutter, was es immer war: eine Fachzeitschrift, die Menschen aus der Branche verbindet. Manchmal offenbar sogar weit über Walzenstuhl, Plansichter und Mehltype hinaus.
Ab 2027 führen Klara und Viktor Eckel das Familienunternehmen Dr. Eckel Animal Nutrition.
2026
9/28/2026
Klara und Viktor Eckel übernehmen 2027 die Führung
Viktor und Klara Eckel übernehmen ab 2027 gemeinsam die Verantwortung beim mittelständischen Futtermittelzusatzstoffhersteller Dr. Eckel Animal Nutrition. Die Leitung des Familienunternehmens liegt damit vollständig in den Händen der nächsten Generation. Gründerin Antje Eckel und Bernhard Eckel scheiden zum Jahresende aus der operativen Tätigkeit aus.
Viktor Eckel gehört seit 2024 der Geschäftsführung an. Als Chief Executive Officer wird er künftig die operativen Geschäftsbereiche verantworten. Klara Eckel wird als Chief Commercial Officer den Vertrieb des international tätigen Unternehmens leiten. Die ausgebildete Futtermüllerin war zuletzt Regional Sales & Business Development Lead Asia.
Antje Eckel gründete das Unternehmen 1994 mit dem Ziel, eine Alternative zu antibiotischen Leistungsförderern zu bieten. 2009 ging die Produktion am Stammsitz Niederzissen in Betrieb. 2017 wurde mit dem International Headquarters in Bangkok die Präsenz in Asien gestärkt. Heute beschäftigt Dr. Eckel weltweit mehr als 80 Menschen und exportiert in über 40 Länder.
Der Generationswechsel wurde über Jahre vorbereitet. „Trotzdem ist man natürlich auch etwas aufgeregt“, sagt Klara Eckel, „wenn man jetzt in Zukunft selbst die letzte Entscheidung treffen muss.“ Antje und Bernhard Eckel werden ihren Kindern weiterhin beratend zur Seite stehen. „All ihre Erfahrung, ihr Wissen und Können werden uns also auch in Zukunft erhalten bleiben, das war uns sehr wichtig“, betont Viktor Eckel.
Viktor Eckel studierte Biochemie in München und Tromsø. Nach seiner Promotion leitete er zunächst Marketing und E-Learning und war später als Geschäftsführer Produkte & Innovation für die Weiterentwicklung des phytogenen Portfolios mitverantwortlich. Klara Eckel arbeitete nach ihrer Ausbildung zur Futtermüllerin in Betrieben im In- und Ausland. 2019 übernahm sie die Produktionsleitung bei Dr. Eckel, später die Entwicklung neuer Geschäftsbereiche und 2026 die Regionalleitung des Vertriebs in Asien.
„Unseren Eltern war immer wichtig, dass wir selbst entscheiden, welchen Weg wir beruflich einschlagen“, sagt Viktor Eckel. Auch der jüngste Bruder Theo arbeitet im Unternehmen und übernahm im Frühjahr die Verantwortung für den strategischen Einkauf.
Der Schweizer Technologiekonzern Bühler hat das Flockierwalzwerk OLFC für die Verarbeitung von Ölsaaten vorgestellt. Nach Unternehmensangaben reduziert die verstärkte Konstruktion die Vibrationen gegenüber Vorgängermodellen um bis zu 25 Prozent. Größere Walzen sollen die Standzeit um 150 Prozent erhöhen. Sensorik, Automatisierung und digitale Services liefern Echtzeitdaten zum Maschinenbetrieb und sollen helfen, Wartungsbedarf frühzeitig zu erkennen.
Flockierer pressen aufgebrochene Sojabohnen, Raps oder Sonnenblumenkerne vor der Ölextraktion zu dünnen Flocken. Dieser Schritt läuft kontinuierlich und beeinflusst durch Dicke und Gleichmäßigkeit der Flocken die Effizienz der weiteren Ölgewinnung. Ein OLFC verarbeitet laut Bühler bis zu 500 Tonnen pro Tag. Ungeplante Stillstände können in Anlagen mit mehreren Produktionslinien den Durchsatz deutlich beeinträchtigen.
Verstärkte Bauteile und längere Walzenstandzeit
Gemeinsam mit Kunden identifizierte das Entwicklungsteam besonders belastete Komponenten. Beim OLFC wurden unter anderem Grundrahmen, Lagereinheit, Walzenwellen und Motorbefestigung verstärkt. Riemenscheiben mit größerem Durchmesser senken die Riemenbelastung. Zusammen sollen diese Maßnahmen die Vibrationen um bis zu 25 Prozent verringern.
Die Walzen haben einen Durchmesser von 820 Millimetern statt der branchenüblichen 800 Millimeter. In Verbindung mit einem erweiterten nutzbaren Durchmesserbereich beziffert Bühler die höhere Walzenstandzeit auf 150 Prozent. Ein verbessertes Hydrauliksystem schützt die Maschine vor plötzlichen Druckspitzen, etwa durch Fremdkörper. Der Zahnriemenantrieb soll bis zu vier Prozent weniger Energie benötigen als bei den Vorgängermodellen.
Für Wartungsarbeiten dreht ein Hilfsantrieb die Walzen beim Schleifen mit niedriger Geschwindigkeit. Das soll den Eingriff sicherer und schneller machen. Bühler rechnet vor, dass zwei eingesparte Stunden Stillstand pro Flockierer zusätzliche Verarbeitungskapazität von rund 41 Tonnen ermöglichen können.
„Jede wesentliche Konstruktionsentscheidung beim OLFC verfolgte ein klares Ziel: unseren Kunden zu maximaler Anlagenverfügbarkeit zu verhelfen“, sagt Lukas Spannagl, R&D Project Manager Value Nutrition bei Bühler.
Bedienung und vorausschauende Wartung
Ein neu entwickeltes Automatisierungssystem zeigt den Maschinenstatus auf einem Touchscreen an. Integrierte Sensoren erfassen laufend Leistungsdaten. Betreiber können Daten mehrerer Flockiermaschinen vergleichen und über die Plattform Bühler Insights langfristige Trends verfolgen, um Wartungspläne anzupassen.
„Neue Sensoren, aussagekräftige Datenvisualisierungen und Kundenfeedback haben wir gezielt kombiniert, um Prozesse transparenter zu machen und fundierte Entscheidungen zu erleichtern“, sagt Abdulqadir Abshir, Product Manager Value Nutrition bei Bühler. Das integrierte Prozesswissen soll Bedienende auch bei knapper werdendem Fachpersonal unterstützen.
Mit Kunden entwickelt
In die Entwicklung flossen Rückmeldungen aus Nordamerika, Europa und China ein. Bühler erprobte zwei Prototypen in Sojabohnenverarbeitungsanlagen in den USA; eine der Anlagen ist seit Oktober 2023 unter realen Produktionsbedingungen im Einsatz. Nach der Validierung ist der OLFC laut Unternehmen nun weltweit verfügbar.
Sallhofer entwickelte für die neue Ceres Mühle in Brüssel eine platzsparende Rohrführung und elektrische Klappkästen.
2026
9/27/2026
Rohrbau als Teil der Automatisierung
Bei der Neuinstallation der Ceres Mühle in Brüssel spielte der Mühlenrohrbau eine wichtige Rolle. Die Anlage wurde mit einem hohen Automatisierungsgrad konzipiert und soll von einem Müller überwachen und bedient werden können. Zugleich sollte der Energiebedarf der Gesamtanlage möglichst niedrig bleiben. Für den Produktfluss setzten die Planer auf eine platzsparende Rohrführung, die künftige Änderungen zulässt.
Die Bindewald & Gutting Mühlengruppe hatte bereits mehrere Projekte mit Sallhofer Mühlenrohrbau umgesetzt und sich auch bei der Ceres Mühle für eine Zusammenarbeit entschieden. Sowohl bei der Montage als auch im praktischen Betrieb gab es gute Erfahrungen und die Anbindung an unterschiedliche Maschinen, etwa an die Walzenstühle und Plansichter von Swisca, ließ sich ohne größere Schwierigkeiten realisieren. Ausschlaggebend für die Beauftragung von Sallhofer waren zudem die kompakte Bauweise und die Möglichkeit, Rohrleitungen mit Längen von bis zu sechs Metern einzusetzen. So lassen sich auch längere Strecken mit vergleichsweise wenigen Verbindungselementen ausführen. Das erleichtert die Montage, sorgt für eine übersichtliche Rohrführung und verringert zugleich die Zahl möglicher Ablagerungsstellen.
Da die Ceres Mühle mit möglichst wenig Personal betrieben werden soll, reicht es nicht nur die Hauptmaschinen zu automatisieren. Auch Produktwege und Klappenstellungen müssen angesteuert und zuverlässig überwacht werden können. Deshalb wurden die Klappkästen in das Automatisierungskonzept einbezogen. Für die Ceres Mühle fiel die Entscheidung auf elektrisch betätigte Klappkästen anstelle pneumatischer Ausführungen. Damit lassen sich Energieverluste bei der Drucklufterzeugung und durch mögliche Leckagen vermeiden; Energie wird im Wesentlichen nur während des Stellvorgangs benötigt. Da die Klappkästen für die Verfügbarkeit und Betriebssicherheit der Anlage entscheidend sind, wurden sie vor der Bestellung vom Kunden intensiv geprüft. In einem Lebensdauertest absolvierten sie eine sehr hohe Zahl an Schaltzyklen. Die erreichte Zyklenzahl entsprach nach den zugrunde gelegten Annahmen einer außergewöhnlich langen Betriebsdauer, weshalb projektintern vom „50-Jahre-Test“ gesprochen wurde. Für das Projekt war vor allem die daraus gewonnene Sicherheit entscheidend, dass sich die elektrische Lösung auch für einen langfristigen Dauerbetrieb eignet.
Bei der Planung spielte außerdem die spätere Veränderbarkeit der Anlage eine Rolle. Mühlen bleiben während ihrer Betriebszeit selten unverändert. Maschinen werden ersetzt, Produktwege verändert oder zusätzliche Verfahrensschritte eingebaut. Der Rohrbau muss solche Eingriffe zulassen, ohne dass größere Bereiche der Anlage neu aufgebaut werden müssen. Nach Angaben von Sallhofer können viele Anpassungen am eingesetzten System mit überschaubarem Aufwand vorgenommen werden. Das Beispiel der Ceres Mühle zeigt damit, dass der Mühlenrohrbau bei hoch automatisierten Anlagen mehr ist als die Verbindung zwischen zwei Maschinen. Rohrführung und Klappentechnik werden zu einem Bestandteil des Prozesskonzeptes. In Brüssel mussten sie sich deshalb ebenso in die Automatisierung einfügen wie die eigentlichen Verarbeitungsmaschinen.
Volkach, 29.–31. Oktober 2026: Programm, Referenten und Besuchsinformationen im digitalen Tagungsführer.
2026
9/26/2026
51. Müllerei-Fachtagung Volkach 2026
Die 51. Müllerei-Fachtagung des Bayerischen Müllerbundes findet vom 29. bis 31. Oktober 2026 in Volkach statt. Im digitalen Tagungsführer finden Sie Programm, Referenten, Ausstellung sowie Hinweise zu Anreise und Anmeldung.
Im Juni 2026 ging eine Meldung aus Sharjah, ein Emirat der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), um die Welt.
2026
9/19/2026
Klimaweizen mit Rekordprotein aus der Wüste
Dubai und Abu Dhabi sind die bekanntesten Emirate der VAE und Sehnsuchtsorte von vielen aus der jungen Generation. Das Emirat Sharjah das östlich an Dubai grenzt, ist kaum bekannt. Es ist die drittgrößte Wirtschaftsmacht der VAE mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von über 40 Mrd. US-Dollar. Im Gegensatz zu dem wirtschaftsstärksten Emirat Abu Dhabi erzielt Sharjah sein BIP fast vollständig im Nicht-Öl-Sektor, vor allem mit Industrieunternehmen und dem Baugewerbe. Die Regierung von Sharjah wird von der herrschenden Familie Al Qasimi gestellt.
Seit 1972 leitet Scheich Dr. Sultan bin Muhammad Al Qasimi den Exekutivrat. Er engagiert sich im Bereich Ernährung und Landwirtschaft, was ihn von anderen Staatschefs der Region abhebt. Er besitzt einen Bachelor-Abschluss in Agrarwissenschaften und so basieren seine Initiativen auf Fachwissen und seiner besonderen Leidenschaft.
Im Juni 2026 meldete die Regierung von Sharjah einen bemerkenswerten Erfolg ihres Weizenprogramms. Medien griffen die Pressemeldung auf und aus einem engagierten Agrarprojekt wurde rasch ein „Wunderweizen gegen den Klimawandel“, teilweise wurde von einer neu entwickelten Sorte namens Sharjah 1 berichtet, die in der Wüstenhitze mit wenig Wasser wachse und den Rekordwert von 19,3% Protein liefere.
Für Müller stellen sich sofort grundlegende Fragen: Handelt es sich bei den 19,3 % um einen Durchschnittswert oder um eine einzelne Spitzenprobe? Welche Sorte stand tatsächlich auf dem Feld? Wie hoch waren Wasser- und Stickstoffversorgung? Und hat Sharjah wirklich eine neue trockenheitstolerante Hochproteinsorte entwickelt, die für die europäische Weizenzüchtung interessant ist? Zeit für Mühle + Mischfutter vor Ort genauer nachzufragen.
In den heißen Sommermonaten bleiben die Emiratis bei Temperaturen von um die 40 Grad lieber in den gekühlten Innenräumen. In die Wüste fährt man nur, wenn man muss. Die gut ausgebaute Straße vom Stadtzentrum Sharjahs zur rund 40 Kilometer südlich gelegenen Weizenfarm Mleiha ist wenig befahren und führt in eine zunehmend trockene karge Wüstenlandschaft. Neben der Straße sind die runden Weizenfelder der Farm kaum zu übersehen. Ihre Form entsteht durch Center-Pivot-Anlagen, die sich um einen Mittelpunkt drehen und den Bestand beregnen.
Weizenprojekt in der Wüste
Scheich Dr. Sultan bin Muhammad Al Qasimi hat das Landwirtschaftsprojekt in Mleiha persönlich angestoßen und begleitet dessen Entwicklung regelmäßig. Im März 2022 stellte Sharjah das Weizenprojekt vor. Ende November desselben Jahres begann auf zunächst 400 Hektar (ha) die Aussaat. Die erste Ernte folgte im März 2023. Das Projekt sollte in mehreren Stufen erweitert werden. Inzwischen bewirtschaftet die Farm 37 kreisförmig beregnete Schläge mit insgesamt 1.428 ha. Für die dritte Erntesaison kündigte die Sharjah Agriculture and Livestock Production Establishment (Ektifa) eine Produktion von bis zu 6.000 t Weizen an., was etwa 4,2 t/ha entspricht.
Das Projekt möchte mehr als Weizen erzeugen. Auf der Farm arbeitet ein Versuchsbetrieb mit einem Biotechnologielabor. Nach Angaben der Ektifa werden dort 1.450 Linien von Weich- und Hartweizen untersucht. 45 ausgewählte Elternlinien fließen in Kreuzungsprogramme ein. Innerhalb von fünf Jahren soll daraus eine an die Bedingungen Sharjahs angepasste Linie mit der Arbeitsbezeichnung „Sharjah 1“ entstehen. Auf unsere Anfrage bestätigt das Emirat, das es sich um ein laufendes Zuchtprogramm handelt und die Weizensorte noch nicht existiert.
Ein Beitrag von agrarheute dagegen berichtete schon am 13. April 2025 unter der Überschrift „Weizen aus der Wüste: Sorte mit 19,3 % Protein bricht globalen Rekord“ von einer „salzresistente Weizensorte Sharjah1“, die über 19% Protein enthalte und extreme Dürre vertrage. Die Sorte sei in Mleiha entwickelt worden, wachse bei über 50 °C, komme mit minimalem Wasser aus und sei Mithilfe biotechnologischer und gentechnischer Verfahren gezüchtet worden. Zudem meldete agrarheute die Farm erzeuge jährlich 15.200 t und decke den gesamten Weizenbedarf des Emirats. Mehrere dieser Aussagen sind schlicht falsch.
Differenziertes Bild
Die Angaben des Emirates zur dritten Ernte der Weizenfarm zeichnen ein differenziertes Bild. Dort heißt es, dass Yecora Rojo die Hauptsorte war. Misr3 und Misr4 aus Ägypten standen auf Versuchsflächen. Gleichzeitig arbeiteten die Forscher weiter daran, aus insgesamt 1.450 Linien die künftige „Sharjah 1“ zu entwickeln. Mühle + Mischfutter fragte direkt bei Ektifa an. Die Antworten waren ausführlich und beseitigen mehrere Unklarheiten über die Qualität des Wüstenweizens und seinen Anbaubedingungen. Der gemeldete Proteingehalt von 19,3% stammt von der Weizensorte Yecora Rojo und nicht von einer bereits fertigen Sorte Sharjah 1. Den Proteingehalt von 19,3% bezeichnet Ektifa den Wert ausdrücklich als höchsten Wert einer einzelnen Probe. Die Feuchtebasis gibt Ektifa mit zwölf Prozent Kornfeuchte an. Die Messung erfolgte mittels Nahinfrarotspektroskopie (NIR). Ein Proteinwert von 19,3% bei zwölf Prozent Feuchte ist ein außergewöhnlich hoher Wert. Für einen belastbaren „Weltrekord“ wäre eine Bestätigung der Spitzenprobe durch eine Referenzmethode sinnvoll, da NIR zwar zur etablierten Routineanalytik der Getreidewirtschaft gehört, aber mit Kalibrationen und Referenzdaten arbeitet.
Interessanter als der einzelne Spitzenwert sind die Analyseblätter, die Ektifa zur Verfügung gestellt hat. Sechs dokumentierte Weizenproben aus Ende Februar und Anfang März 2025 zeigen, dass die Qualität innerhalb der Ernte schwankte. Die vorliegenden Werte lauten:
Quelle: Sharjah Agriculture and LivestockProduction Establishment, Ektifa.
Die Spannweite reicht damit von 13,9 bis 18,9% Protein. Die meisten vorgelegten Proben liegen zwischen knapp 14 und gut 15% und damit in dem normalen Bereich des Eliteweizens. Das bestätigt, dass der kommunizierte Wert von 19,3% nicht repräsentativ für die gesamte Ernte ist. Bemerkenswert bleibt allerdings die Probe von Pivot P22. Sie erreicht 18,9% Protein, 43,5% Gluten und einen Sedimentationswert von 80 ml. Gleichzeitig beträgt das Hektolitergewicht 80,5 kg/hl und die Tausendkornmasse 48,3 g. Die vorliegende Probe zeigt trotz des hohen Proteingehalts ein ordentliches Korngewicht. Aber ein hoher Proteingehalt allein garantiert keine starke oder für jede Anwendung geeignete Kleberstruktur.
Quelle: Ektifa
Yecora Rojo ist kein unbekannter Weizen und gilt als proteinreicher Hard Red Wheat. US-amerikanische Untersuchungen beschreiben ihn als Sorte mit hoher Stickstoffeinlagerung. Kalifornische Versuche zeigen außerdem, dass späte Stickstoffgaben ihren Proteingehalt erhöhen können. In älteren Qualitätsuntersuchungen erreichte Yecora Rojo etwa 13 bis 15% Protein, abhängig von Standort und Stickstoffversorgung.
Das Weizenprojekt von Sharjah hat in bemerkenswerter Weise unter den Bedingungen der Wüste von Mleiha diese Werte erreicht. Wer die Weizenfarm in der Wüste besucht, sieht und spürt es sofort was es bedeutet an diesem kargen und unwirklichen Ort guten Weizen anzubauen. Laut Ektifa hat die Weizenfarm Mleiha je Hektar in der dritten Saison zehn Tonnen Almorooj-Kompost eingesetzt. Hinzu kamen 200 kg Rohphosphat, 100 kg Gips, verschiedene flüssige Biofertilizer, ein Fischprodukt, Huminstoffe, Aminosäuren und zehn Kilogramm Mikronährstoffe mit Calcium, Zink, Bor, Magnesium und Eisen. Eine vollständige Stickstoffbilanz lässt sich daraus allerdings nicht erstellen, weil die Stickstoffgehalte nicht genannt werden.
Quelle: Ektifa
Die Behauptung einiger Medien, der Wüstenweizen sei ein Bioweizen kann nicht bestätigt werden auch nicht, er sei wassersparend. Ektifa nennt einen durchschnittlichen Bewässerungsverbrauch von rund 3.500m³ je Hektar und Saison. Bei 1.428h entspräche dies rechnerisch etwa fünf Mio. Kubikmetern Wasser pro Saison. Die Farm setzt Center-Pivot-Anlagen, Bodensensoren in 60 cm Tiefe, Satellitendaten, Wetterinformationen und das Steuerungssystem Valley 365 ein.
Die Wasserfrage gehört zu den entscheidenden Unterschieden zwischen Sharjah und Mitteleuropa. In den Vereinigten Arabischen Emiraten spielt Meerwasserentsalzung für die Trink- und Brauchwasserversorgung eine zentrale Rolle. Sharjah selbst bezeichnet das für den Weizenanbau verwendete Wasser in Veröffentlichungen als entsalzt. Als wir die Farm besuchen, stehen die Bewäßerungssysteme still, die Temperatur liegt bei 45 Grad. Im Sommer wird auf den Feldern nichts angebaut. Der offizielle Anbauleitfaden des Emirates sieht die Aussaat Anfang bis Mitte November vor. Nach etwa 80 Tagen beginnt die Ährenbildung. Die Reife wird nach ungefähr 120 bis 130 Tagen erreicht. Geerntet wird von Ende März bis Anfang April. Der Weizenanbau nutzt den milden Winter der Golfregion. Er wächst nicht während der heißesten Sommermonate mit Temperaturen jenseits von 40°C. Das schmälert nicht den Erfolg der Arbeit der Weizenfarm Mheila, Landwirtschaft in der Wüste zu betreiben mit präziser Steuerung von Wasser und Nährstoffen und dem Aufbau geeigneter Böden. Die Erträge sind entsprechend einzuordnen. Deutschland erntete 2025 rund 23,15 Mio. t Weizen auf etwa drei Mio. ha Anbaufläche was knapp acht t/ha ergibt. Mleiha produziert also mit 4,2 t/ha auf einem schwierigen Standort einen respektablen, aber keineswegs außergewöhnlich hohen Flächenertrag. Yecora Rojo ist keine neue Wunderzüchtung.
Der in Mleiha praktizierte Anbau lässt sich nicht ohne Weiteres auf Mitteleuropa übertragen, wo künstliche Bewässerung von Weizen die Ausnahme ist. Sharjah hat die Wichtigkeit geeigneter Sorten für seine Standorte erkannt und ein Zuchtprogramm aufgelegt und 1.450 Weizenlinien auf einem trockenen Gelände geprüft. Misr 3 und Misr 4 zeigten dort eine gute Standfestigkeit und hohe Erträge. Das Ministerium berichtet außerdem, dass die ägyptischen Sorten in Sharjah höhere Proteingehalte erreichten als im Herkunftsland. Die 45 ausgewählten Elternlinien werden molekular untersucht und gekreuzt. Aus solchen Populationen könnten Merkmale hervorgehen, die auch für Züchter in der Schweiz, in Österreich und Deutschland interessant sind, wie beispielsweise effiziente Wassernutzung, schnelle Jugendentwicklung, kurze Vegetationsdauer oder Standfestigkeit sowie eine stabile Korn- und Proteinbildung unter hohen Temperaturen.
Ob ein Genotyp, der im Winter von Sharjah unter Vollbewässerung funktioniert, eine geeignete Sorte für Mitteleuropa ist, muss sich zeigen. Dr. Lorenz Hartl von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) verweist auf europäische Forschungsergebnisse:
„Die Sorte Yecora Rojo ist bereits in Europa zu Kreuzungszwecken genutzt worden. Zum Gen GPC-B1, das in dieser Sorte den hohen Proteingehalt erhöht, sind molekulare Selektionsmarker publiziert. Aber bisher gibt es dazu keine klaren Ergebnisse zur Nutzbarkeit. Es ist auch immer der meist negative Zusammenhang zwischen Proteingehalt und Ertrag zu beachten." Dr. Lorenz Hartl, LfL
Darüber hinaus muss Winterweizen in Europa Frost und feuchte Winter überstehen. Hinzu kommen spezielle Anforderungen von Müllern und Bäckern und teilweise sehr hohe Ertragserwartungen. Ein höherer Proteinwert ist nicht automatisch die Antwort auf trockenere und wärmere Vegetationsperioden.
Sharjah hat innerhalb weniger Jahre eine großflächige Weizenproduktion aufgebaut, ein Versuchssystem eingerichtet, ein eigenes Biotechnologielabor geschaffen und eine umfangreiche Sammlung von Weizenlinien in die Züchtungsarbeit aufgenommen. Es liefert erstmals größere Datensätze darüber, wie verschiedene Genotypen unter den speziellen Bedingungen der Golfregion reagieren. Ob aus all dem tatsächlich eine neue Sorte hervorgeht, werden die kommenden Jahre zeigen. Interessant wäre die Sorte für europäische Züchter allemal. Bis dahin ist Mleiha ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie weit sich die Grenzen des Weizenanbaus mit gezielter Züchtung, Wasserführung und Pflanzenbautechnik verschieben lassen.
Wassermanagement der VAE
Die VAE haben kaum natürliche Süßwasserressourcen und deckt mit der Meerwasserentsalzung seine Trink- und Brauchwasserversorgung. Knapp die Hälfte des Wasserbedarfs stammt aus 70 größeren Entsalzungsanlagen. Traditionell dominieren noch thermische Verfahren mit hohem Energiebedarf. Zunehmend setzen die Emirate jedoch auf Meerwasserentsalzung mittels Umkehrosmose, die künftig verstärkt mit erneuerbarer Energie betrieben werden. Für Landwirtschaftsprojekte ist die Verfügbarkeit von Wasser auf Entsalzungs-, Speicher- und Leitungsinfrastruktur angewiesen.
Die Vereinigten Arabischen Emirate gehören zu den Ländern, die Cloud Seeding auch mit Unterstützung britischer Universitäten intensiv erforschen und ausprobieren. Zuständig ist seit 1990 das National Centre of Meteorology, unterstützt vom UAE Research Program for Rain Enhancement Science. Dabei werden geeignete Wolken gezielt mit hygroskopischen oder eisbildenden Partikeln geimpft, um die Bildung größerer Wassertröpfchen und damit Niederschlag zu fördern. Für das Jahr 2026 wurden bis August bereits 110 Cloud-Seeding-Missionen gemeldet. Cloud Seeding u.a. mit Drohnenschwärmen und KI ergänzt damit die Wasserstrategie der VAE, die weniger als 100 mm Jahresniederschlag verzeichnen, ersetzt aber nicht die Meerwasserentsalzung.
Wie gewinnt die Müllereibranche genügend qualifizierten Nachwuchs? Wie müssen Betriebe und Schulen zusammenarbeiten?
2026
9/8/2026
Ausbildung in der Müllereibranche
Michael F. Weber, Schulleiter der Swiss School of Milling, moderierte das Gespräch. Auf dem Podium saßen Jan Cordesmeyer, geschäftsführender Gesellschafter der Hemelter Mühle und Präsident von European Flour Millers, Norman Krug, Geschäftsführer der Dresdener Mühle und bei der Bindewald & Gutting Mühlengruppe für die Ausbildung zuständig, Dr. Andreas Baitinger, Schulleiter der Gewerblichen Schule Im Hoppenlau, sowie Alexander Schnelle von Bühler und Vorsitzender des Fördervereins der Deutschen Müllerschule Braunschweig.
Die folgende Fassung gibt die Diskussion redigiert wieder. Satzabbrüche, Versprecher und reine Wiederholungen wurden entfernt. Aussagen, Zuspitzungen, Wortspiele und der persönliche Ton der Sprecher blieben erhalten.
Sehr gut in der Problemerfassung
MICHAEL F. WEBER
Vor ungefähr acht Jahren, Andreas, haben wir in Detmold schon einmal über die Ausbildung gesprochen. Damals fragte ein Müller: „Was sollen wir machen, damit wir mehr Auszubildende bekommen?“ Acht Jahre später haben wir immer noch dasselbe Problem. Das legt den Verdacht nahe, dass wir in Europa sehr gut in der Problembewunderung sind, aber nicht richtig in die Pötte kommen. Deshalb meine Frage: Welche Hoffnung verbinden Sie mit dieser Podiumsdiskussion?
JAN CORDESMEYER
Meine Hoffnung ist, dass wir das Problem gemeinsam erörtern, uns seiner wirklich bewusst werden und vielleicht die eine oder andere Maßnahme beschließen oder zumindest Ideen entwickeln, wie es besser weitergehen kann.
NORMAN KRUG
Wir sollten die Lage kritisch betrachten. Wir stehen vor großen Problemen, die wir lösen können, aber eben nur, wenn wir uns ernsthaft damit auseinandersetzen. Wir sind in einer tollen Branche. Wir können Leute für sie gewinnen. Wir müssen ihnen zeigen, was wir tun und was wir können. Gemeinsam bekommen wir das hin.
ALEXANDER SCHNELLE
Michael hat es eingangs gesagt: Wir sind gut darin, Probleme zu erkennen und zu beschreiben. Ich erwarte nicht, dass wir heute die Lösungen finden. So größenwahnsinnig und verträumt bin ich dann auch nicht. Aber ich wünsche mir zumindest den Start einer Aktion oder einer ernsthaften Diskussion, die anschließend weitergeführt wird.
Über dieses Thema wird seit Jahren gesprochen. Vor acht Jahren, vor zehn Jahren, vor fünfzehn Jahren. In Europa findet sich wohl kaum jemand in der Branche, der diese Gespräche nicht schon geführt hat. Auch Michael Haag und ich singen regelmäßig ein ziemlich ähnliches Lied. Das Thema ist eminent wichtig. Deshalb müssen wir die Branche mitnehmen und gemeinsam klären, welchen Weg wir gehen und was dafür tatsächlich nötig ist.
DR. ANDREAS BAITINGER
Ich sehe diese Runde als Möglichkeit, das Thema zu vertiefen, Impulse zu setzen, Ideen zu sammeln und für die nahe Zukunft auch konkret zu werden. Michael Haag hat am Morgen eindrücklich dargestellt, vor welchen Herausforderungen die Branche steht. Zugleich ist sie unglaublich spannend und bietet Chancen. Wir müssen junge Menschen dafür interessieren und motivieren. Und wir müssen nach Wegen suchen, wie Betriebe und Schulen diese gute Ausbildung gemeinsam noch besser machen können.
Bevor wir über Lösungen sprechen, sollten wir klären, warum die Hütte eigentlich brennt. Nach der jüngsten Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer bilden die Unternehmen erstmals weniger aus als in den vergangenen Jahren. Jan Cordesmeyer, wie sieht die Entwicklung außerhalb Deutschlands, Österreichs und der Schweiz aus?
JAN CORDESMEYER
In anderen Teilen Europas ist die Lage ähnlich. Auch unsere europäischen Kollegen kämpfen darum, genügend qualifizierte und motivierte Auszubildende zu gewinnen. Einen interessanten Ansatz gibt es in Frankreich mit dem BTSA BioQUALIM, einer Ausbildung in Lebensmitteltechnologie und Lebensmittelverarbeitung. Sie setzt auf dem Baccalauréat auf und dauert zwei Jahre. 2023 wurde sie reformiert. Seither gehören auch digitale Transformation und Nachhaltigkeit zu den Inhalten. An der ENSMIC kann diese Ausbildung auf die Müllerei ausgerichtet werden. Das halte ich für einen interessanten Lösungsansatz.
MICHAEL F. WEBER
Andreas, ist der Rückgang an Ihrer Schule zu spüren?
DR. ANDREAS BAITINGER
Im Gegenteil. Wir sind eine große gewerbliche Schule und bilden nicht nur Müller aus, sondern auch Bäcker, Fleischer, Berufe im Verkauf sowie im Hotel- und Gaststättenbereich. Im zweiten Jahr in Folge erwarten wir ein Plus von ungefähr acht Prozent bei den Ausbildungsverhältnissen. Bei den Bäckern hatten wir im ersten Lehrjahr jahrelang etwa 18 oder 19 Anmeldungen. Heute liegen 28 Anträge vor. Auch der Hotel- und Gaststättenbereich und der Bäckereifachverkauf ziehen an. Die Müllerklassen sind seit zwei Jahren voll. Einen allgemeinen Rückgang spüre ich bei uns nicht.
Die Industrie- und Handelskammer verzeichnete in den vergangenen drei oder vier Jahren allerdings einen Rückgang von etwa 20 Prozent. Das betrifft vor allem kaufmännische Berufe, aber auch Automobil und Mechatronik. Daher stammen die negativen Gesamtzahlen. Ein Teil der jungen Menschen strömt nun wieder in unsere Berufe. Darin liegt eine Chance.
Eine weitere große Chance sehe ich in gezielter Zuwanderung. An unserer Schule haben wir rund 1.000 Ausbildungsverträge. Viele davon sind Menschen, die gezielt aus Ländern wie Indien angeworben wurden. Diese jungen Leute sind häufig gut vorgebildet, hoch motiviert und stark in den MINT-Fächern. Im Fleischerbereich erleben wir im zweiten Jahr, dass einige von ihnen nach einem Jahr besser sind als einheimische Schüler. Dieses Potenzial sollten wir uns auch in der Müllerei erschließen, in Deutschland und europaweit.
MICHAEL F. WEBER
Norman, in Ihrer Unternehmensgruppe hat sich Michael Gutting nach eigener Aussage vom Saulus zum Paulus gewandelt. Früher wurde kaum ausgebildet, heute haben Sie allein an einem Standort zehn Auszubildende. Kommen inzwischen auch mehr Bewerbungen?
NORMAN KRUG
Ja, die Bewerbungen nehmen zu. Man muss allerdings fragen, warum. Vor sieben oder acht Jahren waren es sehr wenige. Dann haben wir begonnen, uns aktiv um die Akquise zu kümmern. Wir gehen auf Ausbildungsmessen, arbeiten bei Berufsorientierungstagen an Schulen mit und sind in den sozialen Medien deutlich aktiver geworden.
Während der Coronazeit haben wir gemerkt: Wenn wir nicht hinausdürfen und nicht mit den Leuten sprechen können, kommen auch keine Bewerbungen. Der Müllerberuf ist erklärungsbedürftig. Deshalb müssen wir mit den jungen Menschen ins direkte Gespräch kommen. Und wir müssen junge Leute mit jungen Leuten reden lassen. Anfangs bin ich selbst in die Schulen gegangen. Das war in Ordnung. Inzwischen nehmen wir unsere Auszubildenden mit. Sie wissen viel besser, wie sie vermitteln, was wir tun, und wie sie bei Schülern, die noch orientierungslos sind, Begeisterung wecken. Die Schlussfolgerung ist ziemlich einfach: aktiv werden und nicht wieder aufhören.
MICHAEL F. WEBER
Alexander, wie sieht es im Maschinen- und Anlagenbau aus?
ALEXANDER SCHNELLE
Wir brauchen nicht nur Verfahrenstechnologen, also Müller, sondern auch Mitarbeiter aus Metall- und Elektroberufen. Wenn ich auf unsere deutschen Standorte schaue, steigt das Interesse an diesen technischen Ausbildungen nicht. Der Blick fällt weiterhin stärker auf die kaufmännischen Berufe. Auch das Interesse an einer kaufmännischen Ausbildung ist höher als an einer technischen oder müllerischen.
Selbst unsere kaufmännischen Auszubildenden lassen wir deshalb eine Zeit lang in technischen Bereichen mitarbeiten und schnuppern. Häufig beruhen ihre Vorstellungen auf Vorurteilen oder mangelndem Wissen darüber, was die Arbeit tatsächlich bedeutet. Manchmal verfängt die Technik. In den meisten Fällen entscheiden sie sich trotzdem für den kaufmännischen Weg.
Im globalen Zusammenhang sind Europa und besonders die deutschsprachigen Länder mit dem dualen System noch immer sehr gut aufgestellt. In vielen Teilen der Welt gibt es weder diese Ausbildung noch die dazugehörige Denkweise. Dort müssen wir lokale Wege finden, um Menschen für den Bau von Maschinen, die Installation, die Inbetriebnahme und den späteren Service zu qualifizieren. Darum haben wir uns weltweit dezentral organisiert. Die großen Anlagen und damit ein erheblicher Teil des künftigen Bedarfs entstehen nicht nur in Europa. Darauf brauchen wir Antworten.
Volle Klassen und offene Stellen
MICHAEL F. WEBER
Eine Schätzung aus den USA geht davon aus, dass in den kommenden fünf bis zehn Jahren weltweit rund 50.000 Mitarbeiter der getreideverarbeitenden Industrie in den Ruhestand gehen. Für Deutschland, Österreich und die Schweiz sprechen wir von 800 bis 1.000 Müllern. Wir müssten also ungefähr 85 Verfahrenstechnologen pro Jahr neu ausbilden. In der Schweiz sind es etwa 15, in Österreich fünf bis acht. Für Deutschland blieben mindestens 70. Haben wir den „War for Talents“ verloren? Fehlen Bewerber, fehlt es an Ausbildungsreife oder bildet die Branche schlicht zu wenig aus? Andreas, wie viele Schüler haben Sie derzeit?
In Stuttgart haben wir zwei volle Klassen mit jeweils etwa 30 Schülern. In Wittingen sind es nach meiner Kenntnis ungefähr 45. Insgesamt liegt die Größenordnung also bei rund 100. Die Zahl nimmt nicht ab.
MICHAEL F. WEBER
Wenn sie bleiben.
DR. ANDREAS BAITINGER
Wenn sie bleiben. Aber seit vielen Jahren haben wir eine sehr geringe Abbrecherquote. Wenn 60 beginnen, erreichen 50 bis 52 die Prüfung. Natürlich bestehen nicht alle, doch ungefähr 50 bringen wir durch. Danach liegt die Quote derjenigen, die der Branche treu bleiben, seit Jahren bei mehr als 90 Prozent. Sie wechseln vielleicht den Betrieb, gehen ins Ausland oder machen den Meister oder Techniker in Braunschweig oder in der Schweiz. Aber sie bleiben in der Branche.
Deshalb halte ich es für entscheidend, die jungen Menschen erst einmal über die Schwelle zu bekommen. Im ersten Lehrjahr frage ich immer: „Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?“ Viele nennen ein Praktikum. Das muss dann aber attraktiv sein. Norman hat vom Spirit gesprochen. Genau darum geht es. Junge Menschen wollen heute nicht nur irgendeinen Job. Sie suchen etwas Sinnvolles, wollen Wertschätzung erfahren und eine spannende, faszinierende Aufgabe übernehmen. Auch Verwandte, Bekannte und die eigene Gruppe spielen eine große Rolle. Wenn wir sie über die Schwelle bekommen und uns anschließend anstrengen, die Ausbildung wirklich faszinierend zu gestalten, dann bleiben sie auch.
Und duale Ausbildung bedeutet eben nicht nur Schule. Rechnerisch sind die Auszubildenden anderthalb Tage pro Woche bei uns oder zwölf Wochen im Blockunterricht. Den Rest der Zeit verbringen sie im Betrieb. Dort muss der Ausbildungsrahmenplan ernst genommen und konsequent umgesetzt werden. Wenn die Betriebe außerdem die Türen zu den neuen technischen Themen aufstoßen und bei den jungen Menschen die Augen weit werden, haben wir etwas erreicht.
MICHAEL F. WEBER
Wenn ich Ihnen zuhöre, denke ich: Super, dann können wir hier abbrechen, es passt ja alles. Wenn ich aber auf mein schwarzes Brett schaue und sehe, wie viele Müller gesucht werden, bleibt eine ziemlich große Lücke. Woher kommt sie?
JAN CORDESMEYER
Eine Ursache ist der demografische Wandel. Er betrifft nicht nur unsere Branche, sondern die ganze Gesellschaft. Für uns sollte das weniger eine Ausrede als eine Herausforderung sein. Wir müssen sichtbarer werden, unsere Türen öffnen und unseren schönen Beruf erlebbar machen.
Dazu gehört selbstverständlich auch, Kollegen aus dem Ausland zu gewinnen. Dafür müssen wir nicht nur die Werkstore, sondern hier und da auch unsere Organisationen öffnen, damit diese Menschen einen Weg in den Betrieb finden. Da steckt noch viel Potenzial, das wir heben können.
NORMAN KRUG
Wir können tatsächlich viel tun. In unserer Unternehmensgruppe unterscheiden sich die Standorte erheblich. An manchen Orten ist es ausgesprochen schwierig, Auszubildende zu finden. Dann muss man einen unkonventionellen Weg gehen, auch wenn er außerhalb der eigenen Komfortzone liegt. Wir haben in diesem Jahr begonnen, angehende Fachkräfte aus Indien zu gewinnen.
Man muss sich aber im Klaren darüber sein, dass diese Auszubildenden mehr Betreuung brauchen. Dafür müssen die Unternehmen Ressourcen bereitstellen. Und ich möchte Andreas noch einmal unterstreichen: Ausbildung findet maßgeblich im Betrieb statt. Der Gedanke „Ich stelle einen Auszubildenden ein, schicke ihn in die Schule, und Baitinger wird es schon richten“ funktioniert nicht.
Den Spirit kann die Schule nicht allein vermitteln. Wenn wir die jungen Menschen für den Beruf begeistern, ihnen Verantwortungsgefühl und betriebliche Realität vermitteln wollen, müssen wir uns im Unternehmen mit ihnen beschäftigen. Wertschätzung heißt auch: Ich zeige dir etwas, ich nehme mir Zeit für dich. Wenn jemand im Betrieb lernt, vorankommt und eine sinnstiftende Tätigkeit erlebt, bleibt er mit größerer Wahrscheinlichkeit dort.
MICHAEL F. WEBER
Das höre ich gern. Vor Kurzem erzählte mir ein Müller von seinem neuen Auszubildenden: „Der wird jetzt erst einmal zwei Jahre putzen, damit er weiß, wie es richtig funktioniert.“ Das hat mich doch überrascht. Wir schreiben das Jahr 2026. Solche Zeiten sollten vorbei sein.
Aus meiner eigenen Lehre kenne ich noch die Berichtshefte. Bei Prüfungen stellen wir trotzdem fest, dass manche Auszubildende nicht gut vorbereitet wurden. Müsste das nicht schon in den Berichtsheften auffallen?
DR. ANDREAS BAITINGER
Es gibt die ganze Bandbreite. Manche Betriebe machen es hervorragend und decken den Ausbildungsplan vollständig ab. Andere sind sehr zögerlich. Das fällt natürlich auf, aber man ist zunächst auch geduldig. Gemeinsam könnten wir viel stärker sein, wenn alle Betriebe konsequent nach Ausbildungsplan arbeiteten und eng mit den Schulen zusammenarbeiteten.
Große Industriebetriebe haben für Berufe wie Mechatroniker eigene Ausbildungswerkstätten. Vergleichbare Möglichkeiten fehlen uns. Deshalb entwickeln wir eine kleine überbetriebliche Ausbildung, in der wir gute Schüler zusätzlich fördern und Fachleute aus der Branche in die Schule holen. Dieses Fachwissen brauchen wir. Aber der Schlüssel bleibt: Ausbildung ist nicht nur Schule. Das können wir als Schule gar nicht leisten.
Zwischen Ferrari und Max und Moritz
MICHAEL F. WEBER
Eine Geschichte aus meiner Familie: Bei uns zu Hause möchte ein junger Mann Kfz-Mechatroniker werden. Am liebsten würde er zu Ferrari gehen. Rotes oder gelbes Auto, das Pferd auf der Haube, das hat ein cooles Image. Dort möchte er lernen.
Wenn ich dagegen erzähle, dass ich an einer Müllereifachschule arbeite, kam vor zehn Jahren durchaus die Frage: „Müller, sind das nicht die, die Brot backen?“ Viele denken noch an den weißen Mann mit Zipfelmütze, an den Esel mit dem Mehlsack, die Mühle am klappernden Bach oder an eine Windmühle. Schaffen wir es, das wahre Bild zu vermitteln, also das einer hoch spezialisierten technischen Industrie?
JAN CORDESMEYER
Dieses falsche Bild ist ein Problem, aber auch eine Möglichkeit. Wenn es uns gelingt, davon wegzukommen und den Beruf in der Gesellschaft bekannter zu machen, steckt darin viel Potenzial. Wir alle kennen es: Besucher, die vorher noch nie in einer modernen Mühle waren, verlassen den Betrieb mit einer völlig anderen Vorstellung. Wir müssen dieses Erlebnis viel häufiger ermöglichen.
MICHAEL F. WEBER
Norman, Sie haben am Image des Müllerberufs gearbeitet und finden inzwischen Bewerber. Was haben Sie konkret getan?
NORMAN KRUG
Zuerst müssen wir den Beruf überhaupt ins Bewusstsein bringen. Mehl ist so selbstverständlich wie Strom. Es ist immer verfügbar. Man geht einkaufen, die Tüte steht im Regal, und niemand fragt, wie sie dorthin gekommen ist.
Vor einiger Zeit war der Oberbürgermeister von Dresden bei uns. Als er ging, sagte er: „Herr Krug, ich bin fasziniert. Sie sind Hidden Champions. Man hat Sie nicht auf dem Schirm, aber Sie halten die Gesellschaft am Laufen und versorgen die Menschen.“ Genau das beschreibt unser Problem.
Die meisten Leute denken bei einer Mühle an Max und Moritz. Diese romantischen Betriebe gibt es auch. Die breite Versorgung sichern aber moderne, hochtechnisierte und automatisierte Mühlen. Deshalb müssen wir mit den Leuten ins Gespräch kommen. Auf Ausbildungsmessen laufen die jungen Menschen an unserem Stand vorbei. Sie kommen nicht von selbst und sagen: „Geil, Mühle, erzähl mal!“ Wir müssen sie aktiv ansprechen, und zwar nicht mit einer Frage, die sie einfach mit Ja oder Nein beantworten können.
Was wir erzählen, bleibt zunächst abstrakt. Darum müssen wir es zeigen. Vor einigen Jahren haben wir begonnen, VR-Videos in der Mühle aufzunehmen. Auf der Messe setzen die Schüler eine VR-Brille auf und stehen plötzlich mitten im Betrieb. Sie können sich umsehen und bekommen einen ersten Eindruck davon, was es heißt, in einer automatisierten Industriemühle zu arbeiten. Wenn sie danach mit den richtigen Leuten sprechen, die Wissen und Begeisterung mitbringen, bekommen wir sie auch in den Betrieb.
Dann kommt das Praktikum. Wer einen Praktikanten aufnimmt, muss ihn bespielen. Wenn er nur mitläuft, niemand sich um ihn kümmert und er im schlechtesten Fall den ganzen Tag putzt, geht er nachmittags nach Hause und weiß genau eines: Bei Ihnen möchte ich nicht arbeiten. Das ist ein ganz entscheidender Punkt.
High Potentials
MICHAEL F. WEBER
Ausbildung ist keine Ausgabe, sondern ein Investment. Alexander, welche Bedeutung hat eine hochwertige Ausbildung für die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens?
ALEXANDER SCHNELLE
Eine eminente. Wir erleben bei unseren Kunden und in unserem eigenen Unternehmen, wie stark die Komplexität der Prozesse zugenommen hat. Mitarbeiter müssen heute wesentlich mehr überblicken, berücksichtigen und mitdenken als früher. Zugleich ist weniger verzeihlich geworden, wenn etwas schiefgeht.
Deshalb müssen die Menschen, die diese Arbeit ausführen, genau wissen, was sie tun. Das gilt für einen Anlagenbauer genauso wie für eine Mühle. Es braucht außerdem eine gute Portion intrinsischer Motivation. Nicht alles lässt sich von außen mit Geld oder Annehmlichkeiten aufwiegen. Wer erfolgreich arbeiten will, muss einen eigenen Antrieb mitbringen.
Weil einzelne Mitarbeiter den Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens stark beeinflussen, sind gute Ausbildung und gute Weiterbildung unverzichtbar. Nach der Ausbildung geht es weiter. Branchen, Prozesse, Märkte und Rahmenbedingungen verändern sich. Also müssen wir auch die Mitarbeiter weiterentwickeln. Nur weil ich einmal einen guten Menschen über die Schwelle bekommen habe, bleibt er nicht automatisch für alle Zukunft fachlich auf der Höhe.
Heute entscheiden in unseren Prozessen weniger Menschen über mehr. Deshalb fallen die Folgen guten wie schlechten Handelns stärker ins Gewicht. Aus- und Weiterbildung waren wahrscheinlich noch nie so wichtig wie heute.
MICHAEL F. WEBER
Automatisierung und künstliche Intelligenz waren bei den Rundgängen wichtige Schlagworte. Kann der schulische Lehrplan mit der technologischen Entwicklung Schritt halten?
DR. ANDREAS BAITINGER
Die Lehrpläne werden immer wieder überarbeitet. Das ist wichtig. Eigentlich muss man jedes Jahr neu hinschauen. Weil der Lehrplan in Lernfeldern strukturiert ist, haben wir aber genügend Spielraum, aktuelle Entwicklungen aufzunehmen.
Ich möchte noch an das Thema Wettbewerb um die klugen Köpfe anknüpfen. Wir müssen die High Potentials für die Müllerei gewinnen. Bei unseren ungefähr 60 Schülern im vergangenen Jahr hatten 25 Prozent Fachhochschulreife oder Abitur, 50 Prozent einen mittleren Abschluss und 25 Prozent einen Hauptschulabschluss. Zwei Schüler hatten gar keinen Abschluss. Es ist im Unterricht eine riesige Herausforderung, allen gerecht zu werden.
Wir müssen für gute Realschüler und Abiturienten so attraktiv sein, dass sie mit einem Wow-Gefühl aus Schule und Betrieb kommen. Sie dürfen nicht denken: „Jetzt bin ich in einer Second-Class-Ausbildung gelandet.“ Deshalb brauchen wir in den Klassen zusätzliche Angebote für Leistungsstarke. Denkbar sind die Qualifikation als Elektrofachkraft für festgelegte Tätigkeiten, Advanced Baking, Advanced Milling sowie Module zu Food Safety, Nachhaltigkeit oder Landwirtschaft. Die Augen dieser Schüler müssen leuchten, weil sie gefordert werden und sich nicht langweilen.
NORMAN KRUG
Die High Potentials sind wichtig, und wir müssen sie gewinnen. Bei der Akquise müssen wir allerdings auch ein wenig sortieren. Sortieren können wir als Müller schließlich großartig. Also sollten wir es auch dort tun.
Gerade wenn wenige Bewerbungen kommen, freuen sich manche Betriebe über jede einzelne so sehr, dass sie den Bewerber gefühlt ungesehen einstellen. Bei dem ohnehin sehr breiten Leistungsspektrum in einer Berufsschulklasse wird es dann schwierig, allen gerecht zu werden. Manchmal sitzen dort junge Menschen, die selbst noch gar nicht wissen, warum sie da sind.
In unserer Unternehmensgruppe gehen wir inzwischen konsequent vor. Wenn jemand nicht geeignet ist, und damit meine ich nicht, dass er etwas noch nicht kann, sondern dass er es nicht will, dann sagen wir auch: Es passt nicht. Unsere Zeit ist knapp. Wir können sie nicht in Menschen investieren, die nach drei Jahren vielleicht gerade so die Prüfung bestehen, unsere Betriebe anschließend aber nicht besser machen. Das klingt hart, ist für mich aber ein wichtiger Punkt.
MICHAEL F. WEBER
Was sagen Sie einem Mühlenbetrieb, der überhaupt nur eine Bewerbung erhält?
NORMAN KRUG
Dass er seine Komfortzone verlassen und unkonventionelle Wege gehen muss. An einem unserer Standorte haben in diesem Jahr zehn Auszubildende begonnen. Darunter sind ein ausgesprochen motivierter junger Mann aus Guinea und einer aus Vietnam. Diese jungen Menschen brauchen mehr Unterstützung. Wir müssen ihnen beim Deutschlernen und bei der Integration helfen.
Aber sie bringen eine unglaubliche Motivation mit, häufig mehr als viele deutsche, österreichische oder Schweizer Bewerber. Für sie geht es, um es salopp zu sagen, wirklich um die Wurst. Sie sind weit von zu Hause entfernt und wollen etwas erreichen. Diese Möglichkeit gibt es. Aber sie verlangt vom Betrieb den Schritt aus der Komfortzone.
Die Müllerei ist ein Erfahrungsberuf. Wie sinnvoll ist es dann, wenn jemand nach der Lehre sofort die Meisterschule besucht und nach insgesamt dreieinhalb Jahren Ausbildung und Meisterprüfung fertig ist? Ist das bereits meisterliches Wissen?
DR. ANDREAS BAITINGER
Darüber kann man wirklich diskutieren. Vieles spricht dafür, dass junge Fachkräfte zunächst hinausgehen, Erfahrung sammeln und vielleicht auch einmal den Betrieb wechseln. Das wäre besser.
Die rechtliche Lage ist heute aber eine andere. Sobald wir Plätze haben, bin ich als Schulleiter einer öffentlichen Schule verpflichtet, Bewerber aufzunehmen. Die früher verlangten Gesellenjahre wurden mit europarechtlicher Begründung abgeschafft. Das war ein schwerer Fehler, würde ich sagen. Aber so ist es. Wir empfehlen weiterhin: erst Berufserfahrung sammeln, dann an die Schule zurückkehren.
MICHAEL F. WEBER
Auch die Betriebe können das im Gespräch mit ihren Auszubildenden steuern. Das duale System ist grundsätzlich eine Erfolgsgeschichte. Könnten wir es nicht stärker exportieren? Die African Milling School arbeitet in Afrika und teilweise für Indien bereits mit einem entsprechenden Modell. Könnten wir Menschen aus dem Ausland hier dual ausbilden oder ein solches System in ihren Ländern anbieten?
JAN CORDESMEYER
UK Flour Millers verfolgt mit seinem Distance Learning Programme einen ähnlichen Ansatz. Das Angebot umfasst sieben Theoriemodule, beginnt niederschwellig, ist flexibel und lässt sich berufsbegleitend absolvieren. Mehrere hundert Menschen nehmen kontinuierlich daran teil, nicht nur in Großbritannien, sondern weltweit. In Australien besteht eine Kooperation mit der Australian Technical Millers Association. Solche Programme helfen, unser Wissen international zu vermitteln und später vielleicht auch im Ausland Fachkräfte zu gewinnen.
MICHAEL F. WEBER
Norman, manche Betriebe sagen: „Warum soll ich ausbilden? Die Leute hauen danach ohnehin ab.“ Wie ist Ihre Haltung?
NORMAN KRUG
Ziemlich klar. Ausbildung ist eine Investition, und nicht jede Investition trifft ins Schwarze. Die Alternative wäre aber, nichts zu tun. Nichts tun heißt: kein Nachwuchs. Kein Nachwuchs heißt: Es geht nicht weiter. Deshalb ist die Investition alternativlos.
Vor sechs Jahren haben wir uns entschlossen, zusätzlich zur dualen Ausbildung eine kleine Akademie für unsere Müller-Auszubildenden aufzubauen. Zweimal zwei Wochen pro Lehrjahr holen wir die Auszubildenden aller Standorte zusammen und unterrichten sie, nach Lehrjahren getrennt, in Theorie und Praxis.
In diesem Jahr haben zehn junge Menschen begonnen. Wir wissen von Anfang an, dass nicht alle zehn ihren Abschluss machen und anschließend bei uns bleiben werden. Wenn aber jedes Jahr zwei oder drei Gute hängenbleiben und ein sehr Guter darunter ist, hat es sich gelohnt. Die anderen haben wir dann eben für den Markt ausgebildet. Die Investition ist trotzdem unausweichlich.
Erfahrung statt Elfenbeinturm
MICHAEL F. WEBER
Wir bewegen uns langsam Richtung Zielkrume. Schulen und Betriebe sollen enger zusammenarbeiten. Andreas, welche Unterstützung brauchen Sie von der Industrie, damit die Ausbildung in der Schule besser wird?
DR. ANDREAS BAITINGER
Sehr wichtig ist die Fortbildung der Lehrkräfte. Seit einigen Jahren besuchen wir am Ende des Schuljahres Mühlen in verschiedenen Regionen Deutschlands. Dort lernen die Lehrer direkt in den Betrieben und nehmen Erfahrungswissen auf. Dafür brauchen wir offene Türen und Unterstützung.
Außerdem benötigen wir Praktiker in den Prüfungsausschüssen und in unserem überbetrieblichen Ausbildungsprogramm. Sie sollen ihren Erfahrungsrucksack öffnen und Schülern wie Lehrern die Geschichten erzählen, die in keinem Buch stehen. Wir müssen Trends und neue Anforderungsprofile aufnehmen. Wo drückt der Schuh? Was verlangt die Kundschaft? Welche Probleme entstehen gerade? Dieses Wissen muss in die Schule einfließen, damit wir es im Unterricht vertiefen können.
Als Schulleiter brauche ich das Gefühl, dass wir fachlich weit vorne sind. Sonst sitzen wir irgendwann im Elfenbeinturm und drehen uns im Kreis.
MICHAEL F. WEBER
Jan, welche Zusammenarbeit würde den Betrieben helfen?
JAN CORDESMEYER
Wir brauchen einen aktiveren Austausch zwischen Ausbildern und Schule. Denkbar wäre ein fester Termin, vielleicht einmal im Jahr, an dem beide Seiten über die Entwicklung jedes Auszubildenden sprechen. Ein Mentor im Betrieb könnte den Kontakt zu den Lehrern halten. So ließen sich Fortschritte und Probleme früh erkennen.
NORMAN KRUG
Die Zusammenarbeit mit den Schulen muss intensiver werden. Aus der Branche muss mehr Unterstützung kommen. Dafür muss allerdings auch bei jedem Einzelnen ankommen, wie wichtig das Thema ist.
Wir brauchen immer bessere Fachkräfte. Die Aufgaben, die Verbraucher und Kunden an uns stellen, setzen voraus, dass wir auch in Zukunft Antworten haben. Darin liegt unsere Daseinsberechtigung. Deshalb muss jedes Unternehmen erkennen, dass es eine eigene Verantwortung trägt. Auf dem Nachhauseweg kann sich jeder fragen, welchen Beitrag er selbst leisten kann.
ALEXANDER SCHNELLE
Neben meiner Tätigkeit bei Bühler engagiere ich mich im Förderverein der Deutschen Müllerschule Braunschweig. Auch dort diskutieren wir diese Fragen. Wenn wir uns lose auf Tagungen oder bei anderen Anlässen treffen, streifen wir das Thema regelmäßig. Beim Kaffee werden die immer gleichen Probleme angesprochen. Dann kommt der Nächste, ein anderes Thema steht plötzlich oben auf der Liste, und das Gespräch bleibt folgenlos. Diese Streifgespräche reichen nicht.
Die Unternehmen haben Anforderungen an die Ausbildung, und das ist gut. Noch besser wäre, sie würden diese Anforderungen klar benennen. Dann könnten wir sauber abgleichen: Was kann die Aus- und Weiterbildungslandschaft leisten, die im deutschsprachigen Raum aus meiner Sicht zu den besten der Welt gehört? Was braucht die Branche darüber hinaus?
Dafür müssen wir uns gezielt an einen Tisch setzen und uns einen halben oder ganzen Tag Zeit nehmen. Nicht mit dem Anspruch, am Ende die Welt verbessert zu haben. Aber mit dem Anspruch, einen Anfang zu machen und die Reise anschließend Schritt für Schritt fortzusetzen. Ein seit Jahrzehnten, vielleicht seit mehr als hundert Jahren gewachsenes System verändert man nicht in einer halbtägigen Sitzung. Man kann dort aber den Weg beginnen.
Nach meiner Beobachtung hat sich das Bewusstsein für die Bedeutung von Aus- und Weiterbildung in den vergangenen Jahren zum Positiven verändert. Es hat noch kein vollständiger Wechsel stattgefunden. Aber viele Mühlen, darunter die Bindewald & Gutting Mühlengruppe und andere große Unternehmen, sagen heute: Wir müssen uns dem Thema stellen und darin investieren.
Darum ist jetzt ein guter Zeitpunkt für den nächsten Schritt. Wir sollten die vorhandenen Schulen, Verbände und Unternehmen besser zusammenbringen und deutlich formulieren: Das brauchen wir, das können wir, und so gehen wir mit der verbleibenden Lücke um. Vielleicht wird das Bildungssystem nie exakt das liefern, was jeder Betrieb sich wünscht. Aber schon eine klar beschriebene Lücke wäre ein Fortschritt, weil man dann anders mit ihr umgehen kann.
DR. ANDREAS BAITINGER
Auf Verbandsebene gab es bereits einen Runden Tisch in Berlin, an dem wir uns mehrfach getroffen haben. Dieses Forum könnte wieder genutzt werden, um die Branche und die Schulstandorte bundesweit besser abzustimmen.
Handlugsdruck
MICHAEL F. WEBER
Da bin ich jetzt vielleicht ein bisschen pingelig: Was machen wir wirklich konkret? Nicht irgendwann, sondern in den nächsten vier Wochen. Wie verhindern wir, dass wir beim Reden und Bewundern der Probleme stehen bleiben?
Ich selbst prüfe gerade eine Zusammenarbeit mit einer Universität in der Türkei. Dort gibt es viele kluge junge Menschen, denen eine passende fachliche Ausbildung fehlt. Wir überlegen, wie wir gemeinsam ein Angebot für die Müllerei entwickeln können. Das wäre ein Schritt, den ich jetzt anleiere. Was nehmen Sie sich konkret vor?
JAN CORDESMEYER
Wir müssen sichtbarer werden. Schon morgen findet in Stelle eine Ausbildungsmesse statt. Dafür haben wir ein Modell, an dem wir sonst den Prozess der Müllerei erklären, so umgebaut, dass wir es am Messestand zeigen können. Wir wollen den Beruf greifbar machen.
Dazu gehört, die Türen für Besuchergruppen zu öffnen und den Austausch mit der Lokalpolitik und den Schulen zu suchen. Die Oberschule in Stelle hat sich vorgenommen, nicht mehr 80 Prozent ihrer Absolventen auf einen akademischen Weg zu schicken, sondern mehr als bisher für eine handwerkliche Ausbildung zu gewinnen. Das begrüßen wir. Auf diese Entwicklung wollen wir aufspringen, sie unterstützen und beschleunigen.
NORMAN KRUG
Wir intensivieren unsere innerbetriebliche Ausbildung. Anfang nächster Woche besprechen wir, welche Konzepte wir erweitern und auf angrenzende Berufe übertragen können. Den Ausbildungsberuf Mühlenbauer gibt es leider nicht mehr, aber wir brauchen dieses Wissen dringend. Michael Haag und Stefan Schmitz haben heute eindrücklich gezeigt, was im Anlagenbau möglich ist. Das funktioniert nur mit den richtigen Charakteren und den richtigen Fähigkeiten.
Zugleich bauen wir die Zusammenarbeit mit den Schulen aus und engagieren uns weiter in Gremien und Prüfungsausschüssen. Dort sehen wir, was bei den Auszubildenden ankommt. Wenn in einer Prüfung eine fachliche Lücke sichtbar wird, müssen wir diese Erkenntnis an Schulen und Betriebe zurückspielen und gemeinsam handeln.
ALEXANDER SCHNELLE
Bühler ist für die Berufe, die wir suchen und ausbilden müssen, ständig auf Messen vertreten und arbeitet mit Schulen zusammen. Die Schulen gehen die Berufsorientierung heute anders an als zu meiner Schulzeit. Damals gab es ein Praktikum, und beinahe gleichgültig war, was man dort machte. Hauptsache, die Statistik stimmte. Heute bestehen gestaffelte Programme, in denen Schüler unterschiedliche Felder kennenlernen sollen.
Für die Unternehmen bedeutet das, früh als möglicher Partner für Praktika sichtbar zu sein. Gerade der Müllerberuf kommt in der Gedankenwelt vieler Schüler überhaupt nicht vor. Mehl steht eben im Supermarkt, und alles andere hat vermeintlich mit einer Mühle nichts zu tun. Das ist überspitzt, trifft die landläufige Meinung aber ziemlich gut.
Auch an der Deutschen Müllerschule Braunschweig haben wir einen gezielten Austausch vorbereitet. In dieser Form machen wir das zum ersten Mal. Wir haben uns bewusst vorgewagt und gesagt: Wir probieren es, dann sehen wir, wie die Resonanz ausfällt. Bislang ist sie deutlich besser, als wir erwartet hatten. Nach diesem Tag wird nicht alles anders sein. Aber wir haben einen Schritt getan, um den Austausch dauerhaft zu verbessern.
DR. ANDREAS BAITINGER
Ende Oktober starten wir ganz konkret mit einem viertägigen Zusatzprogramm für gute Schüler. Lehrkräfte und Experten aus Mühlenbetrieben sollen die Teilnehmer gemeinsam betreuen. So kommt das Rucksackwissen aus der Praxis in die Schule. Daraus soll ein Angebot werden, das wir regelmäßig wiederholen können.
Außerdem wollen wir unsere Schulmühle ertüchtigen. Ihre Technik stammt im Wesentlichen aus den 1980er Jahren. Das Schulverwaltungsamt und die Stadt Stuttgart haben signalisiert, dass wir sie um eine weitere Ebene erweitern können. Im Herbst beginnen die Planungsgespräche, im kommenden Jahr wollen wir das Vorhaben umsetzen.
Dafür brauchen wir Unterstützung aus der Praxis und vom Mühlenbau. Die Schüler sollen an aktuellen Maschinen lernen. Dieses Signal aus der Branche ist auch gegenüber der Stadt wichtig, denn Stuttgart hat derzeit ein erhebliches Haushaltsdefizit. Da müssen wir gemeinsam sehen, wie wir weiterkommen.
Fragen aus dem Publikum
MICHAEL F. WEBER
Vielen Dank. Ich glaube, eine Botschaft ist klar geworden: Die Branche muss sich heute um die neuen Müller bewerben. Die Zeiten haben sich geändert. Damit öffne ich die Fragerunde für das Publikum.
MICHAEL GUTTING, GESCHÄFTSFÜHRER DER BINDEWALD & GUTTING MÜHLENGRUPPE
Erst einmal vielen Dank an die Teilnehmer und an Michael Weber für die perfekte Moderation. Aber ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Das ist mir alles viel zu moderat und viel zu unambitioniert. Genau das bestätigt unser Problem.
Wir wissen alle, dass wir Leute suchen müssen. Da sind viele Unternehmen inzwischen auf einem guten Weg. Andreas Baitinger beschreibt ja, dass die Müllerklassen voll sind. Aber kurz vor dieser Diskussion haben wir einen Vortrag über Nachhaltigkeit gehört. Und hier, auf diesem Podium, sitzt eine große Lösung für Nachhaltigkeit.
Wie viele Millionen Tonnen Getreide werden weltweit für die menschliche Ernährung verarbeitet? Nach meiner überschlägigen Rechnung sind es etwa 500 Millionen Tonnen. Ich war in vielen Mühlen auf der ganzen Welt. Bei 80 Prozent davon fehlten nach meiner Erfahrung immer ungefähr drei Prozentpunkte bei der Ausbeute. Nehmen wir im Durchschnitt nur zwei Prozentpunkte bei 500 Millionen Tonnen, dann sprechen wir über zehn Millionen Tonnen. Das entspricht etwa zwei Millionen Hektar, die angebaut werden, obwohl sie nicht angebaut werden müssten, wenn die Ausbeute stimmen würde.
Wenn wir über Nachhaltigkeit und über die Finanzierung von Ausbildung sprechen, sollten wir uns das klarmachen. Wir stecken Millionen Euro in irgendwelche Systeme wie SBTi, die nichts anderes tun als regulieren und dokumentieren, aber keinen Zentimeter Mehrwert erbringen. Hier dagegen liegt der Mehrwert direkt vor uns: in der Ausbildung. Und dieses Wissen ist ein exportierbares Gut.
René Bühler hat die Schweizerische Müllereifachschule gegründet, weil er die Ausbildung an die Erfordernisse des Berufs anpassen wollte. Als Nationalrat kam er mit den staatlichen Institutionen nicht schnell genug voran. Also gründete er die Schule selbst. Ich hoffe übrigens, dass ich bei diesem Thema nicht zu schnell für die Übersetzer bin.
Und was haben wir Unternehmer später gemacht? Uns war die zehnmonatige Ausbildung zu lang. Also gingen wir zu Bühler und sagten: „Ey, macht eine Schnellausbildung in fünf Monaten.“ Gleichzeitig steigen die Anforderungen.
Heute Morgen wurde gefragt, mit wie vielen Leuten wir die Mühle dort drüben fahren. Ich kann Ihnen die Antwort geben: mit einem. Und zwar immer mit mehr als 80 Prozent Ausbeute. Das muss das Ziel sein, wenn wir effizient und nachhaltig sein wollen. Dafür brauchen wir hervorragend ausgebildete Menschen.
Wenn ich dann höre, dass wir in Braunschweig die 27. Gesprächsrunde darüber drehen, wie es weitergehen soll, hat das nichts mehr mit Schnelligkeit und auch nichts mehr mit den Erfordernissen der Branche zu tun. Dann sind wir schlicht an den Erfordernissen vorbei.
Es geht um die Zukunft des europäischen Mühlenmaschinenbaus und der europäischen Müllerei. Diese Zukunft sichern wir nicht, indem wir bei der Ausbildung langsam sind und sparen. Wir haben nur eine Chance: Seien wir ambitioniert und bringen wir die Themen voran. Nicht langsam, sondern schnell. Noch ein Gesprächskreis und noch ein Gesprächskreis, dann verlieren wir uns. Entschuldigung, das war keine Frage, sondern ein Statement.
(Langanhaltender Beifall im Saal.)
PAUL, WANDERGESELLE IM PUBLIKUM
Man sieht es vielleicht an meiner Kleidung: Ich lebe eine Tradition, die fast 1.000 Jahre alt ist. Ich gehe bewusst für drei Jahre und einen Tag von zu Hause fort, um an vielen verschiedenen Orten zu lernen. Das dauert bewusst lange. Ich nehme mir diese Zeit.
In der Diskussion höre ich immer wieder, dass mehr Wissen in immer kürzerer Zeit vermittelt werden soll. Ich halte das für einen Trugschluss und auch nicht für erstrebenswert. Beim Schulsystem haben wir mit dem Wechsel von G9 zu G8 gesehen, dass es nicht automatisch besser wird, wenn man alles beschleunigt.
Die Anforderungen steigen, das sehe ich auch. Aber wie soll mehr Wissen in weniger Zeit vermittelt werden? Gibt es darauf eine Antwort? Und ist die Verkürzung überhaupt das richtige Ziel?
ALEXANDER SCHNELLE
Wer antwortet? Andreas, du als Oberster.
DR. ANDREAS BAITINGER
Es hängt stark davon ab, was man in einer bestimmten Zeit tatsächlich vermitteln kann. Alles braucht seine Zeit. Eine Druckbetankung funktioniert nicht. Deshalb habe ich das unterschiedliche Qualifikationsprofil einer Klasse beschrieben. Für leistungsstarke Auszubildende schaffen wir Zusatzangebote. Innerhalb der drei Jahre können sie so weitere Qualifikationen erwerben. Aber die Grundlage braucht Zeit.
NORMAN KRUG
Ich bin mir gar nicht sicher, ob wir tatsächlich gesagt haben, dass die Ausbildung verkürzt werden soll. Die drei Jahre brauchen wir. Entscheidend ist, diese Zeit in Schule und Betrieb effizient zu nutzen. Und nach drei Jahren hört die Ausbildung nicht auf. Das Lernen geht lebenslang weiter. Es endet nie.
MICHAEL F. WEBER
Ich kann aus Sicht unserer Schule antworten. Unsere Kurse dauerten früher zehn Monate. Dann kamen uns schlicht die Teilnehmer abhanden. Eine Schule ohne Schüler verliert ihre Grundlage und irgendwann auch den Bezug zur Industrie. Natürlich wäre uns am liebsten, die Mitarbeiter blieben ein ganzes Jahr bei uns. Aber welches Unternehmen kann und will sie so lange freistellen?
Darum haben wir einen Kompromiss geschlossen. Unsere Ausbildung dauert heute ungefähr fünf bis sechs Monate, hinzu kommt der Meister. In dieser Zeit vermitteln wir die Grundlagen gründlich. Für die vielen weiteren Felder brauchen wir Zusatzmodule. Zehn oder zwölf Monate werden wir kaum wieder erreichen, es sei denn, jemand kommt mit einem passenden Vorstudium zu uns. Dann schlagen wir vielleicht fünf Fliegen mit sechs Klappen.
NORBERT LÖTZ, PRÄSIDENT DES VERBANDS DEUTSCHER GROSSBÄCKEREIEN
Ich fand die Diskussion gut, aber ebenfalls wenig konkret. Da gebe ich Michael Gutting völlig recht. Wir müssen anders werden.
Aus meiner Zeit bei Harry Brot weiß ich, dass wir jungen Menschen Sinn und Werte ihrer Arbeit vermitteln müssen. Was ist der Sinn dieser Arbeit? Welchen Wert hat sie? Sehr gute Erfahrungen haben wir damit gemacht, Auszubildende in die gesamte Wertschöpfungskette zu setzen. Sie sollten sehen: Woher kommt der Rohstoff? Was geschieht mit dem eigenen Produkt? Was wird daraus? Dazu gehörte auch, einmal auf einem Fahrzeug mitzufahren und selbst auszuliefern.
Wir müssen junge Menschen dafür begeistern, dass ihre Arbeit sinnvoll ist und nicht nur irgendein Job, für den sie Geld bekommen. Natürlich bekommen sie dafür Geld. Aber sie müssen erleben, warum diese Arbeit wichtig ist und warum es schön sein kann, sie zu tun.
In der Mühle ist das schwieriger. Dort sieht man zunächst nur das Mehl. Was aus diesem Mehl Hervorragendes entstehen kann, erleben die jungen Menschen nicht automatisch. Deshalb sollten wir Praktika entlang der Wertschöpfungskette anbieten. Sie müssen sehen, was aus ihrem Produkt wird.
MICHAEL F. WEBER
Da bin ich völlig bei Ihnen. Aber die Initiative ging in Ihrem Fall von Ihrem Unternehmen aus. Sie haben den Mitarbeitern die Wertschöpfungskette gezeigt.
Eine Podiumsdiskussion kann mögliche Rezepte benennen. Wir fünf hier vorne können aber nicht entscheiden: Ab morgen machen es alle so, und dann wird alles besser. In diesem Sinne ist eine Podiumsdiskussion eine Kunstveranstaltung. Sie hält uns den Spiegel vor und sagt: Schaut her, da funktioniert etwas nicht.
Dann brauchen wir Beispiele wie Ihres. Werte vermitteln, die Wertschöpfungskette zeigen, selbst zusätzlich ausbilden und die Auszubildenden in eine Weiterbildung schicken. Aber die Initiative muss aus den Unternehmen und Einrichtungen kommen. Nicht nur wir hier vorne sind verantwortlich, sondern wir alle. Wenn wir nichts tun, wird es kein anderer für uns tun.
Das ist mein Appell: Wir haben die Chance, etwas zu ändern. Aber wir müssen es machen.
Veranstaltung: Milling Forum Europe 2026, 8. September 2026. Redaktionell bearbeitete und gekürzte Transkriptfassung.
Rubinmühle nutzt Haferschalen künftig als Energieträger und erzeugt am Standort Lahr Prozessdampf.
2026
8/27/2026
Vom Nebenprodukt zum Energieträger
Der Spatenstich ist ein Symbol. Die eigentliche Arbeit beginnt jetzt. Aber es ist ein gutes Gefühl, wenn aus einer Vision Schritt für Schritt Wirklichkeit wird.“ Christopher Rubin
Im Juli 2026 feierte die Rubinmühle den ersten Spatenstich für ihre neue Biomasse-Dampfanlage. Für Christopher Rubin ist es nicht nur ein technisches Infrastrukturprojekt, das er in Angriff nimmt. Für ihn steht dahinter etwas Größeres: die Frage, wie sich sein Familienunternehmen nach mehr als 335 Jahren auch für die nächsten Generationen zukunftsfähig aufstellt. Künftig will er Haferschalen, die direkt bei der Haferverarbeitung anfallen, zur Erzeugung von Prozessdampf nutzen. Besonders wichtig ist ihm, dass er diese Investitionsentscheidung nicht getroffen hat, weil sie heute die günstigste Lösung ist, sondern weil er an langfristiges, verantwortungsvolles Wirtschaften glaubt. Versorgungssicherheit, Ressourceneffizienz und Klimaschutz hat für die Rubinmühle einen Wert, der weit über kurzfristige Marktpreise hinausgeht.
Bislang erhält die Rubinmühle den Dampf aus einer eigenen Biomasseanlage für Holzhackschnitzel, die das Mannheimer Energieunternehmen MVV im Jahr 2005 errichtete. Nach rund 20 Jahren nähert sich die Anlage dem Ende ihrer technischen Lebensdauer und zugleich stieg der Dampfbedarf infolge zusätzlicher Produktionskapazitäten. Christopher Rubin, der die Mühle in der 14. Generation als geschäftsführender Gesellschafter leitet, hatte deshalb die Idee, künftig statt Hackschnitzel die in der Produktion anfallenden Haferschalen für die Dampferzeugung zu nutzen.
Der Geschäftsführer sieht einen Vorteil darin, den nachwachsenden, CO₂-neutralen Reststoff zu nutzen, da er vor Ort ohnehin anfällt. Vor allem in Monaten, in denen in der Region weniger Futtermittel benötigt werden, werden die Haferschalen bisher auch über längere Strecken beispielsweise bis nach Frankreich transportiert. Zudem müssen künftig die Holzhackschnitzel nicht mehr angeliefert werden. Dadurch entfallen mindestens 500 Lkw-Fahrten jährlich, was den örtlichen Verkehr entlastet sowie CO₂-Emissionen und Feinstaub reduziert.
Die Idee überzeugt, ihre Umsetzung ist jedoch anspruchsvoll. Denn während es für Holzhackschnitzel und Pellets umfangreiche Erfahrungswerte und standardisierte Anlagenkonzepte gibt, ist die Nutzung von Haferschalen als Brennstoff ungewöhnlich. Das Kesseldesign muss deshalb auf deren Eigenschaften abgestimmt werden, etwa Dichte, Wassergehalt, Heizwert oder Verbrennungsverhalten. Eine Voraussetzung, damit sich eine solche Lösung wirtschaftlich sinnvoll umsetzen lässt, ist zudem ein ausreichend hoher Dampfbedarf, der weitgehend kontinuierlich vorliegt. Dieser ist bei der Rubinmühle in Lahr aufgrund der sehr breiten Produktpalette aus Mehl, Flocken und Extrudaten gegeben.
Die Lösung mit den Haferschalen war nicht die günstigste, aber die nachhaltigste.“ Christopher Rubin
Zudem geht eine solche Anlage mit einer nicht unerheblichen Investition einher. „Für ein solches Projekt braucht es starke Partner“, so Christopher Rubin. „Den haben wir mit MVV Enamic.“ Die langjährige Zusammenarbeit zwischen der Mühle und dem Energiedienstleister hat sich bewährt. Für das Projekt schlossen beide Unternehmen einen langfristigen Energieliefervertrag ab. Dabei übernimmt MVV Enamic die komplette Planung, den Bau und die Finanzierung der neuen Anlage sowie den Rückbau der alten. Hinzu kommt das Genehmigungs- und Fördermittelmanagement. Das Projekt wird über das Bundesprogramm „Energie- und Ressourceneffizienz in der Wirtschaft“ (EEW) mit 20% der förderfähigen Kosten unterstützt. Nach der Fertigstellung kümmert sich MVV Enamic für 16 Jahre um den effizienten Betrieb und die zuverlässige Dampfversorgung der Rubinmühle. Diese kann mit langfristig stabilen und planbaren Kosten rechnen und leistet gleichzeitig einen Beitrag zum Klimaschutz.
Bevor es in die Planung ging, wurden zuerst drei Varianten als Ersatz für die bestehende Dampferzeugungsanlage betrachtet und wirtschaftlich bewertet. Zur Auswahl standen die umfangreiche Modernisierung der bestehenden Holzhackschnitzelanlage, der Neubau einer größeren Anlage mit demselben Brennstoff oder eine neue Biomasseanlage, die mit Haferschalen betrieben wird.
Da die Rubinmühle großen Wert darauf legt, langfristig verantwortungsvoll zu wirtschaften und sich zukunftsfähig aufzustellen, entschied man sich für die Biomasseanlage mit Haferschalen. Durch die thermische Nutzung der Reststoffe kann die Rubinmühle ihren Erdgasverbrauch um jährlich rund 24 Gigawattstunden verringern. Das entspricht einer Einsparung von rund 4.800 Tonnen fossiler CO₂-Emissionen pro Jahr. Denn aufgrund erweiterter Produktionskapazitäten konnte die bestehende Anlage den gestiegenen Bedarf an Dampf nicht mehr decken. Der fehlende Dampf musste zunehmend durch den für Redundanz und Lastspitzen vorgesehenen Erdgaskessel erzeugt werden.
Für die Auslegung analysierte MVV Enamic die bestehenden Dampf- und Gaslastgänge und simulierte verschiedene Varianten. Dabei wurden auch Möglichkeiten berücksichtigt, mit denen die Rubinmühle an weiteren Stellen in der Produktion Erdgas durch nachwachsende Rohstoffe ersetzen kann, zum Beispiel durch eine Vorwärmung bei gasbefeuerten Trocknungsanlagen. Die neue Biomasseanlage ist nun so dimensioniert, dass sie bis zu fünf Tonnen Dampf pro Stunde erzeugen kann. Die bestehenden Gaskessel bleiben erhalten. Im Regelbetrieb übernimmt die Haferschalenanlage die Grundlast, die Gaskessel sichern die Dampfversorgung bei Wartung, Revision oder außergewöhnlichen Lastspitzen.
Es ist quasi eine Operation am offenen Herzen.“ Christopher Rubin
Die alte Anlage ist inzwischen bereits rückgebaut, aktuell befindet sich das Projekt in der Bauphase. Die neue Dampferzeugungsanlage entsteht auf dem Platz der alten, das Gebäude wird jedoch rund zweieinhalb Meter höher und länger als das vorige. Die gesamte Gebäudeplanung inklusive Elektroplanung, Stahlbau und Anlagenbau sowie die Projektleitung verantwortet MVV Enamic. Die Baustelle befindet sich mitten auf dem Betriebsgelände, ringsum läuft die Produktion weiter. Der Geschäftsführer ist beim Spatenstich zur neuen Anlage entspannt. Mit MVV Enamic hat er einen erfahrenen Partner, der das Projekt umfassend verantwortet. So kann sich die Rubinmühle weiterhin auf das Kerngeschäft konzentrieren. Christopher Rubin ist zuversichtlich, dass die neue Anlage wie geplant im Frühjahr 2027 in Betrieb gehen wird. Dann schließt sich am Standort Lahr ein regionaler Kreislauf: Die bei der Produktion anfallenden Haferschalen liefern die Energie für die Verarbeitung des nächsten Hafers. „Es ist ein gutes Gefühl, zu sehen, wie eine Idee Wirklichkeit wird“, so Christopher Rubin.
Rubinmühle im Porträt
Die Rubinmühle wird seit über 335 Jahren von der Familie Rubin geleitet. Heute zählt sie zu den größten Haferverarbeitern Deutschlands. An drei Standorten in Baden und im sächsischen Vogtland verarbeitet sie über 100.000 Tonnen Getreide zu rund 1.000 verschiedenen Produkten für die internationale Lebensmittelindustrie. Das Portfolio umfasst behandelte Getreidekerne, Mehle, Kleie und Grütze, Flocken, Flakes und verschiedene Extrudate, extrudierte Mehle und Granulate sowie pflanzliche Proteine. Darüber hinaus werden Monoprodukte und Müslimischungen nach kundenspezifischen Vorgaben konsumentenfertig abgepackt. Die Rubinmühle beschäftigt rund 250 Mitarbeiter.
Mit über 6.800 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von rund 6,1 Mrd. Euro im Geschäftsjahr 2025 ist MVV eines der führenden Energieunternehmen in Deutschland. Die B2B-Lösungseinheit MVV Enamic versteht sich als Vorreiter der Dekarbonisierung. Sie bietet Geschäftskunden ganzheitliche Energielösungen aus einer Hand, mit denen diese ihre Energieeffizienz steigern und die Energiekosten langfristig senken können. MVV verfolgt das Ziel klimapositiv zu werden. Dafür reduziert das Unternehmen konsequent seinen CO₂-Fußabdruck. Mit dem Mannheimer Modell setzt MVV auf die Wärmewende und die Stromwende und unterstützt seine Kunden mit Energielösungen dabei, ihre CO₂-Emissionen zu senken.
Mit der NovaFood startet 2026 in Luzern eine neue B2B-Fachmesse für die Schweizer Lebensmittelproduktion.
2026
8/27/2026
Neue Schweizer Fachmesse
Die Lebensmittelbranche ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Schweiz und steht derzeit vor großen Herausforderungen. Konsumbedürfnisse ändern sich, Nachhaltigkeit wird gefordert und Rohstoffpreise steigen. Die NovaFood ist eine B2B-Plattform, auf der Hersteller und Dienstleister ihre Lösungen für die Lebensmittelproduktion präsentieren – von Produktionstechnik und Betriebsmitteln über Rohstoffe und Halbfabrikate bis hin zu Marketing und Verkauf. Die Besucher kommen aus Entwicklung, Produktion und Einkauf, die gezielt nach neuen Lösungen oder passenden Projektpartnern suchen.
Angeboten wird ein kompaktes Format mit drei Fixpreis-Angeboten mit fertigen Ständen in unterschiedlichen Größen. Die Aussteller präsentieren sich, ihre Lösungen, Veranstaltungen und Neuheiten nicht nur während der Messe, sondern auch online davor und danach.
Bauck und Brüggen beteiligen sich gemeinsam an der Roscher Mühle und stärken die Bio-Hafer-Verarbeitung.
2026
8/27/2026
Bauck und Brüggen bündeln Kräfte
Die Bauck GmbH steht für Verarbeitung hochwertiger Bio-Rohstoffe und hat eine starke Position im Glutenfrei-Segment. H. & J. Brüggen ergänzt dies durch ein Netzwerk im Hafergeschäft und Impulse für die weitere Marktbearbeitung im internationalen Umfeld.
Friedemann Wecker, geschäftsführender Gesellschafter der Bauck GmbH: „Mit der H. & J. Brüggen KG wurde ein starker Partner gewonnen. Gemeinsam können in der Verarbeitung von Bio-Hafer neue Maßstäbe gesetzt werden.“
Geleitet wird die Roscher Mühle GmbH von Sebastian Huber als Geschäftsführer. Die Gesellschafterinnen werden durch Gesine Studt (H. & J. Brüggen KG) und Friedemann Wecker (Bauck GmbH) als weitere Geschäftsführer:innen vertreten.
Deutschland erreicht 2026 bei Sojabohnen voraussichtlich ein Rekordniveau, während die EU-Ernte leicht sinkt.
2026
8/27/2026
Sojaanbau 2026 in Deutschland auf Rekordkurs
Für das laufende Erntejahr wird eine Produktion von knapp 2,8 Mio. t Sojabohnen erwartet, rund 1% weniger als 2025. Ausschlaggebend für das insgesamt kleinere Sojaangebot der EU 27 sind nach Recherchen der Agrarmarkt Informations Gesellschaft mbH geringere Ertragserwartungen. Italien bleibt mit den aktuell prognostizierten 899.000 t zwar größter EU-Erzeuger, verfehlt das Vorjahresvolumen jedoch voraussichtlich um rund 15%. Damit würde die italienische Sojaernte auf den niedrigsten Stand der vergangenen fünf Jahre fallen. Für Frankreich als zweitgrößten EU Anbieter rechnet die Kommission dagegen mit einem Anstieg um 4% auf 408.000 t. Auch in weiteren Mitgliedstaaten wird das Sojaaufkommen über dem Vorjahresniveau gesehen.
Besonders dynamisch entwickelt sich die Sojaerzeugung in Deutschland. Die EU Kommission erwartet gegenüber 2025 einen Zuwachs von gut 21% auf 159.000 t, womit die Ernte voraussichtlich das bislang höchste verzeichnete Niveau erreicht. Trotz des im EU Vergleich weiterhin begrenzten absoluten Umfangs gewinnt Deutschland damit an Bedeutung. Die Ausweitung von Anbau und Erzeugung unterstreicht die Rolle Deutschlands als Wachstumsmarkt, getragen von der steigenden Nachfrage nach heimischen Eiweißträgern.
Der DRV zieht Bilanz zur Ernte 2026: Hitze mindert Erträge deutlich, die Versorgung bleibt gesichert.
2026
8/27/2026
Bilanz Ernte 2026
Inlandsversorgung gesichert
Der jährliche Getreideverbrauch in Deutschland liegt bei rund 40 Millionen Tonnen und wird durch die diesjährige Ernte gedeckt. Der DRV erwartet daher keine steigenden Verbraucherpreise für Brot, Brötchen und andere Backwaren. „Der Anteil des Getreides am Endpreis von Backwaren liegt im niedrigen Cent-Bereich. Preisentscheidend bei Lebensmitteln sind vor allem höhere Energie-, Lohn- und Bürokratiekosten“, betont der DRV-Getreidemarktexperte.
Nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa sowie weltweit fallen die Getreideernten geringer aus als im Vorjahr. Die europäischen Versorgungsbilanzen sind knapp, und auf dem Weltmarkt liegen Produktion und Verbrauch nahezu gleichauf. „Entscheidend ist in den kommenden Monaten weniger die verfügbare Menge als die Frage, ob die Logistik funktioniert“, betont DRV-Vorstand Dr. Philipp Spinne.
Für die Annahme der aktuellen Getreideernte sieht der DRV dank ausreichender Lagerkapazitäten keine akuten Probleme. Anders sieht es bei der sich anschließenden Weiterleitung zur Veredelung sowie bei der Versorgung mit Futtermitteln und dem Transport von Düngemitteln aus. Spinne dazu: „Straße, Schienen und Wasserwege sind zentrale Voraussetzungen für die Versorgungssicherheit in Deutschland und Europa. Die Logistik muss bei der Lebensmittelversorgung endlich den Stellenwert bekommen, den sie verdient.“
Problem Düngemittel 2027
Wegen stark gestiegener Preise halten sich viele Landwirte beim Kauf von Stickstoffdüngern zurück und hoffen auf sinkende Preise. Diese Zurückhaltung birgt jedoch erhebliche Risiken. „Ohne frühzeitige Bestellungen bleiben auch Handel und Importeure beim Aufbau von Lagerbeständen zurückhaltend. Dadurch könnten die benötigten Mengen für das Frühjahr 2027 nicht rechtzeitig verfügbar sein. Die von der EU bereitgestellten Mittel müssen gezielt eingesetzt werden, um Landwirte bei frühzeitigen Kaufentscheidungen zu unterstützen und damit die Versorgung zu sichern.“