Emirat Sharjah meldet Erfolge beim Weizenanbau
Klimaweizen mit Rekordprotein aus der Wüste
Emirat Sharjah meldet Erfolge beim Weizenanbau
Klimaweizen mit Rekordprotein aus der Wüste
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Emirat Sharjah meldet Erfolge beim Weizenanbau
Klimaweizen mit Rekordprotein aus der Wüste
Im Juni 2026 ging eine Meldung aus Sharjah, ein Emirat der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), um die Welt. In der Wüste sei Weizen mit 19,3% Protein erzeugt worden. Von einem globalen Rekord war in den Medien die Rede, von moderner Biotechnologie, künstlicher Intelligenz und einem Weizen, der dem Klimawandel trotzt. Unsere Recherche vor Ort zeigt, was an der Meldung dran ist.
Dubai und Abu Dhabi sind die bekanntesten Emirate der VAE und Sehnsuchtsorte von vielen aus der jungen Generation. Das Emirat Sharjah das östlich an Dubai grenzt, ist kaum bekannt. Es ist die drittgrößte Wirtschaftsmacht der VAE mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von über 40 Mrd. US-Dollar. Im Gegensatz zu dem wirtschaftsstärksten Emirat Abu Dhabi erzielt Sharjah sein BIP fast vollständig im Nicht-Öl-Sektor, vor allem mit Industrieunternehmen und dem Baugewerbe. Die Regierung von Sharjah wird von der herrschenden Familie Al Qasimi gestellt.
Seit 1972 leitet Scheich Dr. Sultan bin Muhammad Al Qasimi den Exekutivrat. Er engagiert sich im Bereich Ernährung und Landwirtschaft, was ihn von anderen Staatschefs der Region abhebt. Er besitzt einen Bachelor-Abschluss in Agrarwissenschaften und so basieren seine Initiativen auf Fachwissen und seiner besonderen Leidenschaft.
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Im Juni 2026 meldete die Regierung von Sharjah einen bemerkenswerten Erfolg ihres Weizenprogramms. Medien griffen die Pressemeldung auf und aus einem engagierten Agrarprojekt wurde rasch ein „Wunderweizen gegen den Klimawandel“, teilweise wurde von einer neu entwickelten Sorte namens Sharjah 1 berichtet, die in der Wüstenhitze mit wenig Wasser wachse und den Rekordwert von 19,3% Protein liefere.
Für Müller stellen sich sofort grundlegende Fragen: Handelt es sich bei den 19,3 % um einen Durchschnittswert oder um eine einzelne Spitzenprobe? Welche Sorte stand tatsächlich auf dem Feld? Wie hoch waren Wasser- und Stickstoffversorgung? Und hat Sharjah wirklich eine neue trockenheitstolerante Hochproteinsorte entwickelt, die für die europäische Weizenzüchtung interessant ist? Zeit für Mühle + Mischfutter vor Ort genauer nachzufragen.
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In den heißen Sommermonaten bleiben die Emiratis bei Temperaturen von um die 40 Grad lieber in den gekühlten Innenräumen. In die Wüste fährt man nur, wenn man muss. Die gut ausgebaute Straße vom Stadtzentrum Sharjahs zur rund 40 Kilometer südlich gelegenen Weizenfarm Mleiha ist wenig befahren und führt in eine zunehmend trockene karge Wüstenlandschaft. Neben der Straße sind die runden Weizenfelder der Farm kaum zu übersehen. Ihre Form entsteht durch Center-Pivot-Anlagen, die sich um einen Mittelpunkt drehen und den Bestand beregnen.
Weizenprojekt in der Wüste
Scheich Dr. Sultan bin Muhammad Al Qasimi hat das Landwirtschaftsprojekt in Mleiha persönlich angestoßen und begleitet dessen Entwicklung regelmäßig. Im März 2022 stellte Sharjah das Weizenprojekt vor. Ende November desselben Jahres begann auf zunächst 400 Hektar (ha) die Aussaat. Die erste Ernte folgte im März 2023. Das Projekt sollte in mehreren Stufen erweitert werden. Inzwischen bewirtschaftet die Farm 37 kreisförmig beregnete Schläge mit insgesamt 1.428 ha. Für die dritte Erntesaison kündigte die Sharjah Agriculture and Livestock Production Establishment (Ektifa) eine Produktion von bis zu 6.000 t Weizen an., was etwa 4,2 t/ha entspricht.
Das Projekt möchte mehr als Weizen erzeugen. Auf der Farm arbeitet ein Versuchsbetrieb mit einem Biotechnologielabor. Nach Angaben der Ektifa werden dort 1.450 Linien von Weich- und Hartweizen untersucht. 45 ausgewählte Elternlinien fließen in Kreuzungsprogramme ein. Innerhalb von fünf Jahren soll daraus eine an die Bedingungen Sharjahs angepasste Linie mit der Arbeitsbezeichnung „Sharjah 1“ entstehen. Auf unsere Anfrage bestätigt das Emirat, das es sich um ein laufendes Zuchtprogramm handelt und die Weizensorte noch nicht existiert.
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Ein Beitrag von agrarheute dagegen berichtete schon am 13. April 2025 unter der Überschrift „Weizen aus der Wüste: Sorte mit 19,3 % Protein bricht globalen Rekord“ von einer „salzresistente Weizensorte Sharjah1“, die über 19% Protein enthalte und extreme Dürre vertrage. Die Sorte sei in Mleiha entwickelt worden, wachse bei über 50 °C, komme mit minimalem Wasser aus und sei Mithilfe biotechnologischer und gentechnischer Verfahren gezüchtet worden. Zudem meldete agrarheute die Farm erzeuge jährlich 15.200 t und decke den gesamten Weizenbedarf des Emirats. Mehrere dieser Aussagen sind schlicht falsch.
Differenziertes Bild
Die Angaben des Emirates zur dritten Ernte der Weizenfarm zeichnen ein differenziertes Bild. Dort heißt es, dass Yecora Rojo die Hauptsorte war. Misr3 und Misr4 aus Ägypten standen auf Versuchsflächen. Gleichzeitig arbeiteten die Forscher weiter daran, aus insgesamt 1.450 Linien die künftige „Sharjah 1“ zu entwickeln. Mühle + Mischfutter fragte direkt bei Ektifa an. Die Antworten waren ausführlich und beseitigen mehrere Unklarheiten über die Qualität des Wüstenweizens und seinen Anbaubedingungen. Der gemeldete Proteingehalt von 19,3% stammt von der Weizensorte Yecora Rojo und nicht von einer bereits fertigen Sorte Sharjah 1. Den Proteingehalt von 19,3% bezeichnet Ektifa den Wert ausdrücklich als höchsten Wert einer einzelnen Probe. Die Feuchtebasis gibt Ektifa mit zwölf Prozent Kornfeuchte an. Die Messung erfolgte mittels Nahinfrarotspektroskopie (NIR). Ein Proteinwert von 19,3% bei zwölf Prozent Feuchte ist ein außergewöhnlich hoher Wert. Für einen belastbaren „Weltrekord“ wäre eine Bestätigung der Spitzenprobe durch eine Referenzmethode sinnvoll, da NIR zwar zur etablierten Routineanalytik der Getreidewirtschaft gehört, aber mit Kalibrationen und Referenzdaten arbeitet.
Interessanter als der einzelne Spitzenwert sind die Analyseblätter, die Ektifa zur Verfügung gestellt hat. Sechs dokumentierte Weizenproben aus Ende Februar und Anfang März 2025 zeigen, dass die Qualität innerhalb der Ernte schwankte. Die vorliegenden Werte lauten:
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Die Spannweite reicht damit von 13,9 bis 18,9% Protein. Die meisten vorgelegten Proben liegen zwischen knapp 14 und gut 15% und damit in dem normalen Bereich des Eliteweizens. Das bestätigt, dass der kommunizierte Wert von 19,3% nicht repräsentativ für die gesamte Ernte ist. Bemerkenswert bleibt allerdings die Probe von Pivot P22. Sie erreicht 18,9% Protein, 43,5% Gluten und einen Sedimentationswert von 80 ml. Gleichzeitig beträgt das Hektolitergewicht 80,5 kg/hl und die Tausendkornmasse 48,3 g. Die vorliegende Probe zeigt trotz des hohen Proteingehalts ein ordentliches Korngewicht. Aber ein hoher Proteingehalt allein garantiert keine starke oder für jede Anwendung geeignete Kleberstruktur.
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Yecora Rojo ist kein unbekannter Weizen und gilt als proteinreicher Hard Red Wheat. US-amerikanische Untersuchungen beschreiben ihn als Sorte mit hoher Stickstoffeinlagerung. Kalifornische Versuche zeigen außerdem, dass späte Stickstoffgaben ihren Proteingehalt erhöhen können. In älteren Qualitätsuntersuchungen erreichte Yecora Rojo etwa 13 bis 15% Protein, abhängig von Standort und Stickstoffversorgung.
Das Weizenprojekt von Sharjah hat in bemerkenswerter Weise unter den Bedingungen der Wüste von Mleiha diese Werte erreicht. Wer die Weizenfarm in der Wüste besucht, sieht und spürt es sofort was es bedeutet an diesem kargen und unwirklichen Ort guten Weizen anzubauen. Laut Ektifa hat die Weizenfarm Mleiha je Hektar in der dritten Saison zehn Tonnen Almorooj-Kompost eingesetzt. Hinzu kamen 200 kg Rohphosphat, 100 kg Gips, verschiedene flüssige Biofertilizer, ein Fischprodukt, Huminstoffe, Aminosäuren und zehn Kilogramm Mikronährstoffe mit Calcium, Zink, Bor, Magnesium und Eisen. Eine vollständige Stickstoffbilanz lässt sich daraus allerdings nicht erstellen, weil die Stickstoffgehalte nicht genannt werden.
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Die Behauptung einiger Medien, der Wüstenweizen sei ein Bioweizen kann nicht bestätigt werden auch nicht, er sei wassersparend. Ektifa nennt einen durchschnittlichen Bewässerungsverbrauch von rund 3.500m³ je Hektar und Saison. Bei 1.428h entspräche dies rechnerisch etwa fünf Mio. Kubikmetern Wasser pro Saison. Die Farm setzt Center-Pivot-Anlagen, Bodensensoren in 60 cm Tiefe, Satellitendaten, Wetterinformationen und das Steuerungssystem Valley 365 ein.
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Die Wasserfrage gehört zu den entscheidenden Unterschieden zwischen Sharjah und Mitteleuropa. In den Vereinigten Arabischen Emiraten spielt Meerwasserentsalzung für die Trink- und Brauchwasserversorgung eine zentrale Rolle. Sharjah selbst bezeichnet das für den Weizenanbau verwendete Wasser in Veröffentlichungen als entsalzt. Als wir die Farm besuchen, stehen die Bewäßerungssysteme still, die Temperatur liegt bei 45 Grad. Im Sommer wird auf den Feldern nichts angebaut. Der offizielle Anbauleitfaden des Emirates sieht die Aussaat Anfang bis Mitte November vor. Nach etwa 80 Tagen beginnt die Ährenbildung. Die Reife wird nach ungefähr 120 bis 130 Tagen erreicht. Geerntet wird von Ende März bis Anfang April. Der Weizenanbau nutzt den milden Winter der Golfregion. Er wächst nicht während der heißesten Sommermonate mit Temperaturen jenseits von 40°C. Das schmälert nicht den Erfolg der Arbeit der Weizenfarm Mheila, Landwirtschaft in der Wüste zu betreiben mit präziser Steuerung von Wasser und Nährstoffen und dem Aufbau geeigneter Böden. Die Erträge sind entsprechend einzuordnen. Deutschland erntete 2025 rund 23,15 Mio. t Weizen auf etwa drei Mio. ha Anbaufläche was knapp acht t/ha ergibt. Mleiha produziert also mit 4,2 t/ha auf einem schwierigen Standort einen respektablen, aber keineswegs außergewöhnlich hohen Flächenertrag. Yecora Rojo ist keine neue Wunderzüchtung.
Der in Mleiha praktizierte Anbau lässt sich nicht ohne Weiteres auf Mitteleuropa übertragen, wo künstliche Bewässerung von Weizen die Ausnahme ist. Sharjah hat die Wichtigkeit geeigneter Sorten für seine Standorte erkannt und ein Zuchtprogramm aufgelegt und 1.450 Weizenlinien auf einem trockenen Gelände geprüft. Misr 3 und Misr 4 zeigten dort eine gute Standfestigkeit und hohe Erträge. Das Ministerium berichtet außerdem, dass die ägyptischen Sorten in Sharjah höhere Proteingehalte erreichten als im Herkunftsland. Die 45 ausgewählten Elternlinien werden molekular untersucht und gekreuzt. Aus solchen Populationen könnten Merkmale hervorgehen, die auch für Züchter in der Schweiz, in Österreich und Deutschland interessant sind, wie beispielsweise effiziente Wassernutzung, schnelle Jugendentwicklung, kurze Vegetationsdauer oder Standfestigkeit sowie eine stabile Korn- und Proteinbildung unter hohen Temperaturen.
Ob ein Genotyp, der im Winter von Sharjah unter Vollbewässerung funktioniert, eine geeignete Sorte für Mitteleuropa ist, muss sich zeigen. Dr. Lorenz Hartl von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) verweist auf europäische Forschungsergebnisse:
„Die Sorte Yecora Rojo ist bereits in Europa zu Kreuzungszwecken genutzt worden. Zum Gen GPC-B1, das in dieser Sorte den hohen Proteingehalt erhöht, sind molekulare Selektionsmarker publiziert. Aber bisher gibt es dazu keine klaren Ergebnisse zur Nutzbarkeit. Es ist auch immer der meist negative Zusammenhang zwischen Proteingehalt und Ertrag zu beachten." Dr. Lorenz Hartl, LfL
Darüber hinaus muss Winterweizen in Europa Frost und feuchte Winter überstehen. Hinzu kommen spezielle Anforderungen von Müllern und Bäckern und teilweise sehr hohe Ertragserwartungen. Ein höherer Proteinwert ist nicht automatisch die Antwort auf trockenere und wärmere Vegetationsperioden.
Sharjah hat innerhalb weniger Jahre eine großflächige Weizenproduktion aufgebaut, ein Versuchssystem eingerichtet, ein eigenes Biotechnologielabor geschaffen und eine umfangreiche Sammlung von Weizenlinien in die Züchtungsarbeit aufgenommen. Es liefert erstmals größere Datensätze darüber, wie verschiedene Genotypen unter den speziellen Bedingungen der Golfregion reagieren. Ob aus all dem tatsächlich eine neue Sorte hervorgeht, werden die kommenden Jahre zeigen. Interessant wäre die Sorte für europäische Züchter allemal. Bis dahin ist Mleiha ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie weit sich die Grenzen des Weizenanbaus mit gezielter Züchtung, Wasserführung und Pflanzenbautechnik verschieben lassen.
Wassermanagement der VAE
Die VAE haben kaum natürliche Süßwasserressourcen und deckt mit der Meerwasserentsalzung seine Trink- und Brauchwasserversorgung. Knapp die Hälfte des Wasserbedarfs stammt aus 70 größeren Entsalzungsanlagen. Traditionell dominieren noch thermische Verfahren mit hohem Energiebedarf. Zunehmend setzen die Emirate jedoch auf Meerwasserentsalzung mittels Umkehrosmose, die künftig verstärkt mit erneuerbarer Energie betrieben werden. Für Landwirtschaftsprojekte ist die Verfügbarkeit von Wasser auf Entsalzungs-, Speicher- und Leitungsinfrastruktur angewiesen.
Die Vereinigten Arabischen Emirate gehören zu den Ländern, die Cloud Seeding auch mit Unterstützung britischer Universitäten intensiv erforschen und ausprobieren. Zuständig ist seit 1990 das National Centre of Meteorology, unterstützt vom UAE Research Program for Rain Enhancement Science. Dabei werden geeignete Wolken gezielt mit hygroskopischen oder eisbildenden Partikeln geimpft, um die Bildung größerer Wassertröpfchen und damit Niederschlag zu fördern. Für das Jahr 2026 wurden bis August bereits 110 Cloud-Seeding-Missionen gemeldet. Cloud Seeding u.a. mit Drohnenschwärmen und KI ergänzt damit die Wasserstrategie der VAE, die weniger als 100 mm Jahresniederschlag verzeichnen, ersetzt aber nicht die Meerwasserentsalzung.
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